Es wird zu wenig investiert in Deutschland. Das setzt die Zukunft unserer Gesellschaft aufs Spiel. Marcel Fratzscher, Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professor an der Berliner Humboldt-Universität, hat die Investitionsmisere jüngst zugespitzt als "Deutschland-Illusion" beschrieben. Die ökonomische Stärke sei nur ein Schein, in Wirklichkeit zerfalle die Infrastruktur, Bildungsinstitutionen residierten in heruntergekommenen Altbauten.

Das mag stimmen. Die Illusion hat jedoch einen zweiten Teil, den der Ökonom nur am Rande anspricht, wenn von Bildung die Rede ist: Es mangelt auch und insbesondere an sozialen Investitionen – in die Infrastruktur der Gesellschaft und des Zusammenlebens. Auch hier genießt Konsum zu sehr Vorrang gegenüber Investitionen in zivilgesellschaftliche Strukturen, die das Gemeinwohl fördern, das soziale Miteinander und die Solidarität stabilisieren. Sie könnten viele Probleme entschärfen helfen, wie Experten seit Langem einhellig predigen.

Am 15. September erschien dazu die entsprechende Bestandsaufnahme: Im Vergleich der G-7-Industrienationen befasste sich ein internationales Expertengremium mit dem Thema "Social Impact Investing", oder zu Deutsch: "wirkungsorientiertes Investieren". Ein nationaler Beirat erkundete den Stand solcher privater Investitionen mit sozialem oder ökologischem Ertrag für die Bundesrepublik. Das Ergebnis ist ähnlich desillusionierend wie Fratzschers Gesamtbilanz. Die sozialen Probleme sind unübersehbar: demografischer Wandel, Personalkrisen bei der Betreuung (bei Kindern wie im Alter), Jugendarbeitslosigkeit, Schwierigkeiten bei der Jobsuche mangels Schulabschluss – die Liste ließe sich verlängern. Diese Probleme verursachen gewaltige Kosten.


Tatsächlich nehmen Bürger die Aufgaben immer häufiger selbst in die Hand. Sie entwickeln sozialunternehmerische Innovationen zur Lösung der Probleme. Allerdings: Sozialunternehmer ringen um Investitionen. Die gängige Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme ist auf die Unterstützung der Bürger in Notlagen ausgerichtet, nicht aber auf deren Vermeidung. Führende Sachverständige wie der britische Soziologe Anthony Giddens haben dieses Dilemma dem Sozialstaat traditioneller Prägung ins Zeugnis geschrieben. Und private Kapitalgeber verstehen häufig nicht, dass soziale Probleme auch Investitionschancen bieten. So zögern etwa die deutschen Stiftungen, die insgesamt mehr als 100 Milliarden Euro Kapital verwalten, damit, wenigstens einen Teil des Geldes in die Vermeidung sozialer Probleme zu investieren. Für kleinere Privatinvestoren fehlt es schlicht an Produkten, über die sie sich an solchen Investitionen beteiligen könnten. Kurzum: Auch bei der sozialen Infrastruktur unserer Gesellschaft herrscht Investitionsnotstand.

Dabei verweisen zahlreiche Projekte darauf, dass es sich lohnen kann, Experimentierfelder sozialer Innovationen gezielt mit finanziellen Mitteln auszustatten – gerade weil der Staat im Rahmen von Steuer- und Sozialversicherungsbudgets hier nur begrenzt aktiv werden kann.

Die "Lebensräume für Jung und Alt" der Stiftung Liebenau am Bodensee etwa zeigen, welchen Ertrag soziale Investitionen haben können: Im Zusammenleben der Generationen im Quartier werden Kräfte nachbarschaftlicher Unterstützung und zivilgesellschaftlicher Solidarität freigesetzt. Und das spart Geld: Rund 30 Prozent niedriger liegen die Kosten für die Unterstützung älterer Menschen in solchen Modellprojekten gegenüber der sonst zu erwartenden Wohn- und Lebenssituation ihrer Bewohner.

Der Wuppertaler Sozialunternehmer Stefan Schwall hat mit seinem Unternehmen apeiros einen Weg gefunden, wie er dem Problem der Schulverweigerung von Jugendlichen, die anschließend oft den Weg in die "Hartz-IV-Karriere" gehen, wirkungsvoll zu Leibe rücken kann. Gemeinsam mit Schulen und Verantwortlichen aus der Jugendhilfe hat er Ansätze entwickelt, mit denen die Zahl der Schulverweigerer reduziert und die letzte Konsequenz der Heimunterbringung weitgehend vermieden werden kann. Die ersparten Folgekosten sind gewaltig.

Zwei Beispiele, eine Geschichte: Investitionen in die Vermeidung von sozialen Problemen können diese entschärfen und Folgekosten senken. Es geht um die Steigerung der Wirksamkeit, teilweise auch der Effizienz von Programmen. Investitionen in solche Strukturen erzeugen nachweislich einen sozialen (oder in anderen Kontexten: ökologischen) Ertrag.

Doch wie können diese Investitionen gestärkt werden? Einerseits braucht es mehr Aufklärung über die Chancen und Risiken. Organisationen wie Bonventure oder der Social Venture Fund strukturieren soziale Investitionen als Intermediäre und begleiten Unternehmen, in die sie investieren. Es könnte daher hilfreich sein, solche Risikokapitalgeber zu stärken. Zudem erscheinen Investitionsinstrumente wie "Impact Bonds" immerhin der Idee nach vielversprechend – das sind Finanzierungsformen, bei denen Private investieren und die öffentliche Hand aus nachweislich ersparten Folgekosten oder zusätzlicher Wertschöpfung in der Gesellschaft die Rückzahlung des Kapitals und dessen Verzinsung gewährleistet. Selbstverständlich kann hierbei nicht ein Bereicherungsprogramm auf Kosten der Allgemeinheit das Ziel sein, sondern ein Instrument zur Schließung von Investitionslücken bei moderater Renditeerwartung.

Andererseits wäre zu überprüfen, ob die Rahmenbedingungen für solche Investitionen politisch verbessert werden können – von der zivilrechtlichen Frage des geeigneten Rechtsrahmens für hybride Organisationen mit wirtschaftlichem Vorgehen und sozialem Ertrag bis hin zur steuerlichen Behandlung der Investitionen und der Unternehmen selbst. Ziel muss es allerdings bleiben, wirksamere Problemlösungen zu ermöglichen und nicht die rechtlich verbriefte Solidarität in unserer Gesellschaft neoliberalen Privatisierungsfantasien oder privater Bereicherung auf Kosten der Allgemeinheit zu opfern.