DIE ZEIT: Herr Kellenberger, was haben Sie am 9. Februar gedacht, als das Abstimmungsergebnis bekannt wurde?

Jakob Kellenberger: Ich war überrascht und stellte mir die Frage nach der unsicherer gewordenen Zukunft der bilateralen Beziehungen.

ZEIT: Waren Sie frustriert, immerhin gefährdet der Entscheid die bilateralen Verträge, die Sie als Staatssekretär mit ausgehandelt hatten?

Kellenberger: Nein, das nicht. Die autonome Ausländerpolitik, das war für nationalkonservative Kreise und darüber hinaus immer ein zentraler Punkt. Ich habe über 50 schwarze Hefte, die ich zurzeit auswerte ...

ZEIT: ... was steht da drin?

Kellenberger: Darin machte ich Notizen und Kommentare nach Sitzungen, Verhandlungen, Auslandmissionen und öffentlichen Stellungnahmen als Staatssekretär im EDA und IKRK-Präsident. Letzthin las ich, dass Herr Blocher, der das Integrationsdossier besser kennt als viele Parlamentarier, schon in einem Interview mit der Berner Zeitung im Februar 1994 festhielt, eine autonome Ausländerpolitik sei für ihn nicht verhandelbar.

ZEIT: Für Sie war also immer klar, wenn der bilaterale Weg an ein Ende kommt, dann wegen der Ausländerpolitik?

Kellenberger: Klar war, dass dies der heikelste Punkt war. Bis 1996 haben wir in den Verhandlungen über die Bilateralen I auch an einer autonomen Ausländerpolitik festgehalten, mit qualitativen Verbesserungen im Interesse der EU. Die EU machte 1996 aber klar, ohne Akzeptanz des Grundsatzes der Freizügigkeit gebe es keine Bilateralen I, worauf das Verhandlungsmandat angepasst wurde. Wir hatten auch einen schweren Präzedenzfall: Beim EWR, wo die Schweiz in einer Gruppe mit den anderen EFTA-Ländern verhandelte, hatte sie der Freizügigkeit zugestimmt. Die Lösung in den Bilateralen I war immerhin besser. Trotzdem: Das Volk hatte die Bilateralen I mit 67 Prozent Ja angenommen. Ich hatte große Freude.

ZEIT: Dieser Tage erscheint Ihr Buch Wo liegt die Schweiz?. Darin kritisieren Sie, die Schweizer hätten vergessen, dass ihr Land keine Pazifikinsel sei, sondern mitten in Europa liege.

Kellenberger: So radikal habe ich mich hoffentlich nicht geäußert. Ich habe mich tatsächlich aber immer gewundert, wie wenig uns zentrale europäische Entwicklungen beschäftigen. Das sind vor allem die internen und externen Entwicklungen der EU. Wieso traten mit der Schweiz vergleichbare Länder wie Österreich, Schweden und Finnland 1995 der EU bei? Wieso Großbritannien 1973? Sicher nicht, weil sie weniger souveränitätsbewusst sind als wir. In der EU mitentscheiden muss für sie eine Erhöhung der Selbstbestimmung bedeutet haben. Das müsste uns doch ernsthaft zu denken geben.

ZEIT: Die Einwände sind bekannt. Wir würden unsere Volksrechte verlieren ...

Kellenberger: ... wir verlieren sie ja eben nicht. Die These vom Kollaps unseres politischen Systems ist nicht zu halten.

ZEIT: Wieso also stehen wir in Europa abseits?

Kellenberger: Die Randstellung bezieht sich auf den institutionellen Bereich, weil Europa im Wesentlichen in der EU geprägt wird und wir nicht Mitglied sind. Die Schweiz ist gesellschaftlich und wirtschaftlich mit der EU ja sehr eng verbunden und schlägt sich gut. Die EU hat mit der Währungsunion echte Probleme. Die politischen und wirtschaftlichen Folgen der verschiedenen Euro-Rettungsaktionen sind für mich noch nicht absehbar, ebenso wenig, wieweit die EU in eine Haftungsgemeinschaft hineingleitet, wo Mitgliedstaaten für die Schulden anderer mithaften.

ZEIT: Ist es da nicht verständlich, dass die Schweizer lieber außen vor bleiben?

Kellenberger: Priorität haben jetzt die Umsetzung der Initiative vom 9. Februar und die bilateralen Gestaltungsmöglichkeiten im Lichte ihrer Umsetzung. Nicht verstehen kann ich in einem Land in der Lage der Schweiz, dass der EU-Beitritt eine Tabuzone ist. Noch weniger kann ich verstehen, dass gelegentlich nach Europadebatten unter Ausschluss des wichtigsten Themas gerufen wird.