Auch A Bu, das 15-jährige Klavierwunderkind aus Peking, spielt Jazz im Trio. © Sennheiser Media

Wunderkinder am Klavier entzücken seit je das Publikum in der klassischen Musik. Und im Jazz? A Bu nennt sich der Knabe aus Peking. Mit vier saß er am Klavier, mit neun übte er Giant Steps, mit elf gründete er sein Trio, mit fünfzehn legt er jetzt das erste Album vor: 88 Tones Of Black and White.

Zur Präsentation gibt er Konzerte in Peking, Shanghai und Hongkong. Seine Plattenfirma sitzt in der Nähe von Hannover, und so wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis A Bu und seine Jungs in deutschen Konzertsälen zu hören sind. Dem Jazzkeller steht das Jugendschutzgesetz einstweilen noch entgegen.

Ist es also so weit? Übernimmt China im Jazz?

Hört man A Bus Versionen von Standards wie Round Midnight oder A Night in Tunesia, ist man zunächst verblüfft, will die Story nicht glauben, aber der CD liegt eine DVD als Videobeweis bei. Das spielt er tatsächlich!

Allerdings spielt er es mit der ausgestellten Geschmeidigkeit eines Turners. Man freut sich mit ihm am Gelingen der Übungen und erwartet in den stillen Momenten zwischen den Stücken das Urteil der Preisrichter. China übernimmt die Turnhalle des Jazz.

Die Bekanntschaft mit A Bu verdanken wir einem Hobby, das wir übers letzte Jahr entdeckt und gepflegt haben: Jazz-Neuerscheinungen zu sammeln, auf denen nur Klavier, Bass und Schlagzeug zu hören sind. Fünfzehn Alben aus zwölf Monaten sind ein hübscher Stapel; zweifellos gibt es mehr. Woher diese Flut rührt, wäre eine musiksoziologische Untersuchung wert. Das Klavier gehört lange zum Jazz, begann aber in der Rhythmusabteilung. Deutet sein Vordringen auf eine Nobilitierung des Genres? Wird Jazz jetzt Klassik?

Wer sich nur alle paar Wochen eine Jazzplatte kauft, muss nie mehr zu einer anderen Besetzung greifen. Einmal Klaviertrio, immer Klaviertrio. Das spart Zeit und lädt ein zum vergleichenden Hören. Preisrichter? Sind wir selbst!

Fangen wir an mit der Haltungsnote. Leicht schräg sitzt Marialy Pacheco vor ihrem Piano, auf dessen Deckel seltsamerweise ein schwarzer Flamingo steht. Untenherum zeigt die Musikerin ihre Spitzenunterwäsche, obenherum ist sie nackt. Ein schöner Rücken. Auf den zweiten Blick erkennen wir: Das ist kein Flamingo auf dem Klavierdeckel. Das ist ein Dutt auf ihrem Kopf in Form einer Viertelnote!

Was für ein Cover. Sensible Preisrichter winken hier schon ab. Wer härter im Nehmen ist, hört rein – und erlebt eine Überraschung. Die Kubanerin bewegt sich virtuos zwischen allen Kontinenten und Stilen. Wie sie mit ihren Begleitern Béla Bartók nach Kuba versetzt, ist ebenso grandios wie die Dekonstruktion des Gassenhauers El Manisero, mit dem sich schon Caterina Valente die Taschen gefüllt hat.

Ein Haarproblem hat auch die Japanerin Hiromi, die auf dem Cover ihrer Platte immerhin angezogen ist. Ihr Kopf geht über in ein irres Gestrüpp, das die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich ziehen soll. Dabei ist sie eine fantastische Pianistin, die ihre Stücke selbst schreibt. Mitreißend, rockig und jedes Solo ein gurgelnder Tonstrudel.

Die Berlinerin Julia Kadel hat einen perfekt frisierten Bubikopf. Und sie blickt uns eindringlich an. Schöne Frau. Herrliche Nase, sinnliche Lippen, ein marilyneskes Muttermal – aber sind wir ihr so nahe, wie sie es gerne hätte? Im Vertrauen hat sie ihre Platte genannt, und die Namen der Titel dicken den Schmus an: Innendrin. Regentag. Nicht bleiben. Vorbei. Alles Wollen. Immerhin verspricht sie nicht zu viel: Es klingt auch so. Das Julia Kadel Trio repräsentiert die vielen Platten des Genres, in denen die Innerlichkeit auf eine arg durchsichtige Weise nach außen gekehrt wird.

Auch das norwegische Helge Lien Trio zählt dazu. Hier wird die Innerlichkeit allerdings auf undurchsichtige Weise nach außen gekehrt: Es nebelt. Badgers And Other Beings – Dachse und andere Wesen. Vielleicht was für den November?

Wenn schon Momente skandinavischer Volksmelodik, dann eher vom Tingvall Trio, sie sind bei aller Melancholie zupackend. Ein beseelter Schwede am Klavier, ein swingender Kubaner am Bass, ein kantiger Deutscher am Schlagzeug, das ist auch auf der sechsten Platte eine interessante Mixtur, selbst wenn wir Preisrichter dem Kitschverdacht nicht mehr so entschieden entgegentreten können.