Wir schreiben das Jahr 1964. Die Beatles stürmen die Hitparade, Willy Brandt wird SPD-Vorsitzender, und im Unterholz der ARD-Rundfunkanstalten zimmert der Redakteur Joachim-Ernst Berendt am Programm der ersten Berliner Jazztage. Der Bassist Charles Mingus ärgert sich im Sendesaal von Radio Bremen über die Unruhe im Publikum und zürnt: Er spüre noch immer den Geschmack von Gaskammern und Konzentrationslagern. Noch während des Konzerts distanziert sich Eric Dolphy, der Saxofonist der Band, von dem Ausbruch seines Freundes.

Charles Mingus und Eric Dolphy, zwei Musiker, die schon in ihrer Jugend in Los Angeles zusammenspielten, bringen jene Spannung in den Saal, die das schwarze Amerika spaltet: Wut versus Konzilianz, Malcolm X versus Martin Luther King. Als Mingus mit seiner Band zurück in die Heimat fliegt, bleibt Dolphy in Europa. Er zieht nach Paris, bereitet sich auf seine Hochzeit vor, komponiert, übt, ist viel unterwegs. Einige Wochen nach dem Zwischenfall in Bremen soll er bei der Eröffnung des Jazzclubs Tangente in Berlin-Wilmersdorf spielen.

Am ersten Abend fühlt er sich schwach, am zweiten kommt er nicht auf die Beine, so beginnt das Konzert am Abend des 28. Juni 1964 erst in der Nacht. Nach einem desorientierten Set wankt er von der Bühne. Er kollabiert, wird ins Krankenhaus gebracht. Dort diagnostiziert man aus Hautfarbe und Beruf einen Drogenexzess des 36-Jährigen. Noch in der Nacht stirbt Eric Dolphy an einem diabetischen Schock, an Nachlässigkeit und Rassismus. Drei Monate später spricht Martin Luther King bei der Eröffnung der 1. Berliner Jazztage ein Grußwort zum Festivalthema "Schwarz / Weiß".

Wir schreiben das Jahr 2014. Auf vielen Festivals in Deutschland und Europa gibt es keine Themen mehr. Da wird mit den touristischen Reizen der Orte geworben, mit den großen Namen des Jazz oder mit umetikettierten Popstars. In Berlin heißen die Jazztage inzwischen Jazzfest und kommen langsam wieder zu sich nach langem Taumeln zwischen stilistischer Grenzenlosigkeit und populistischer Liebedienerei.

Der Leipziger Publizist Bert Noglik, Intendant im dritten Jahr, setzt auf Idee und Anspruch. Mutig balanciert er zwischen Tradition, Improvisation und Technologie. Jazz vergisst nicht, jede neue Idee erweitert das Kontinuum dieser Musik. Aus dieser Einsicht heraus knüpft der Festivalleiter sein Netz: Jeder Programmpunkt verbindet sich mit anderen, und zwischen den Knotenpunkten entsteht die Spannung.