Es war ja bekanntlich nicht alles schlecht am Kapitalismus, aber trotzdem sind wir doch froh, dass es nun endlich mit ihm zu Ende geht. Das Sterbeglöcklein läutet ihm aber weder eine revolutionäre Masse von Proleten noch eine antimoderne Verschwörung von Monopolisten, sondern etwas ganz und gar Friedliches, Gemeinschaftliches, Empathisches: eine Gemeinschaft von technikbeseelten Kollaboristen, die "die Dinge" für null – okay, nahezu null – Kosten entstehen lassen, die sodann mit allen teilen, was dabei Schönes herauskommt, und fortan ihre ungenutzte Energie dafür einsetzen, Schulen für kollaboratives Lernen aufzubauen, sich furchtbar lieb zu haben und Autos zu fahren, die sie sich daheim gemeinsam am 3-D-Drucker ausgedruckt haben.

Auf das bei Jeremy Rifkin maximal denkbare theoretische Niveau gebracht, lautet die Idee so: "Die Demokratisierung der Fabrikation bedeutet, dass irgendwann schließlich jeder Zugang zu den Produktionsmitteln hat, was die Frage, wer sie besitzen und darüber verfügen soll, irrelevant macht und den Kapitalismus mit ihr." Das hatte sich der Kapitalismus vermutlich ganz anders vorgestellt, und die Daten zur wachsenden Reichtumskonzentration, zu informationellen Kartellen, zur Entdemokratisierung von Gesellschaften täuschen ja noch immer vor, dass er sich auf der Siegerstraße der Geschichte befindet. Aber Jeremy Rifkin lässt sich von so etwas nicht hinters Licht führen: Längst schon lägen ja die "Grenzkosten" für Produkte nahe null, und wenn man als Kapitalist kein Geld mehr verdiente, wolle man am Ende auch keiner mehr sein. Rasend schnell breitet sich der kollaborative Konsum aus, und der 3-D-Drucker lässt demnächst nicht nur Einweg-Pistolen entstehen, sondern einfach alles: vom Klopapier bis zum Mehrfamilienhaus. Wenn man alles haben kann, kann man es ebenso gut auch teilen, was gleichfalls schlecht für den Kapitalismus ausgeht, schließlich beruht der ja auf privatem Eigentum.

Das alles, aber auch nicht mehr, kann man auf knapp 500 Seiten in einem Buch nachlesen, dessen dummer Titel Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft. Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus den putativen Leser ja schon listig warnt, dass er es mit einem dummen Buch zu tun bekommt. Tatsächlich war man ja aus Rifkins Schreibfabrik schon viel gewohnt (was er übrigens nie zu erwähnen versäumt: Schon 1995 hat er Das Ende der Arbeit entdeckt und 2000 Das Verschwinden des Eigentums, beides ist ja dann schnell eingetreten), aber dieses neue Buch stellt einen Höhepunkt dar, der schwer zu übertreffen ist. Denn wie man 500 Seiten über den Kapitalismus und seine Vor- und Nachgeschichte schreiben kann, ohne auch nur ein einziges Mal auf den Stoffwechsel einzugehen, den Lebewesen zum Existieren brauchen, ist allerdings spektakulär. In Rifkins Welt kommt wahrscheinlich das Bier genauso aus dem 3-D-Drucker, wie ihm die Kartoffeln und die kleinen Babys, die Sojapflanzen, die seltenen Erden und die Windräder für den Strom zum Betrieb der Drucker entspringen.

Und dann hätte ich nach der Lektüre noch zwei Fragen, die mich trotz allem stark beunruhigen: Kommen denn auch die Panzer, Drohnen und Überwachungsapparaturen, die Ölbohrinseln und das Land aus dem 3-D-Drucker, und haben dann immer noch einige Menschen darüber mehr Verfügung als andere? Und hat das am Ende womöglich wieder etwas mit dem Kapitalismus zu tun?