Maria Callas, die Göttliche, la divina, gilt als Ikone eines sich für die Wahrhaftigkeit des Ausdrucks verzehrenden Operngesangs. Ihr Mythos scheint ungebrochen. Ihr Name ist Inbegriff einer kompromisslosen Hingabe des Lebens an die Kunst und ein Synonym für die Primadonna assoluta (zumindest des 20. Jahrhunderts), für die Diva schlechthin. Die Callas, das wissen heute selbst die amusischsten Zeitgenossen, ist in der Welt der Oper so etwas wie die Coca-Cola unter den Softdrinks – und also mehr als ein geschütztes Warenzeichen: eine Metapher, ein süßes Lebensgefühl, ein Fetisch, eine zugleich von dunklen Sagen umwobene Geheimrezeptur.

Die Callas: Noch immer thront sie wie ein Monument über den Karrieren nachfolgender Opernstars. Von Cecilia Bartoli bis Anna Netrebko müssen sich alle an ihr messen lassen, doch per Definition kann, ja darf es keine geben, die je an sie heranreicht. Die auf Schallplatte gepressten Denkmäler ihrer berühmtesten Partien haben diese jahrzehntelang blockiert und werfen bis heute ihre übergroßen Schatten auf jede Darstellung von Bellinis Norma, Cherubinis Medea, Puccinis Tosca oder Verdis Traviata.

Doch für welches Bedürfnis steht der Mythos Callas? Was erhält ihn so nachhaltig am Leben, warum erschöpft er sich nicht, obwohl doch längst alles in Worten Fassbare gesagt ist? Natürlich ist es bewundernswürdig, wie die Callas ihre hoch charakteristische, keineswegs makellose Stimme mit schlafwandlerischem Gespür zu formen versteht, um in jeder Nuance den musikalischen Sinn zu entdecken und sich mit ebenso brennender wie exakt kontrollierter Intensität dem dramatischen Ausdruck zu überlassen. Natürlich graben sich die Klangfarbenwechsel, mit denen Maria Callas auf einem Verdi-Album von 1958 die rasanten Gefühlswechsel der Lady Macbeth in der Schlafwandlerinnenszene erleben lässt, tief ins somatisch-musikalische Gedächtnis ein. Für alle Facetten von Wut bis Ekel bis zu blankem Entsetzen findet sie das richtige Timbre.

Und natürlich hat es eine auf der Opernbühne selten erreichte Subtilität, wie hinter den dunkel-verhangenen Tiefen ihrer Casta diva-Aufnahme von 1949, einer der ersten Studioaufnahmen überhaupt, subkutan das Unheil lauert, ja brodelt. Schon mit den ersten Takten wird man tief hineingezogen in die Psyche, ins Innenleben der Druidenpriesterin.

Und doch reicht die künstlerische Größe der Callas allein nicht hin, um zu erklären, wie sich die Vergötterung dieser "Einzigartigen" über Jahrzehnte hinweg so unangetastet, ja unantastbar konservieren ließ. Lag das Geheimnis dieser Kunst womöglich in der Mischung aus Vollkommenheit und Unvollkommenheit, in der Fähigkeit der Callas, hinter der melodienseligen Oberfläche des Belcanto – dem sie zur Wiederentdeckung verhalf – das menschliche Drama, den ungeschönten Ausdruck zu entdecken? Überhaupt, das Geheimnis: Ausgerechnet jetzt, da all die glanzvollen, amourösen, tragischen und traurigen Stunden ihres Lebens biografisch durchleuchtet, Hymnen in allen Tonarten gesungen, Juwelen und Unterwäsche versteigert, die Romane geschrieben und die Filme gedreht worden sind, zieht sich die Beteuerung, das Mysterium der Assoluta werde sich niemals lüften lassen, wie eine Beschwörungsformel durch viele Artikel.

Die neue, aufwendig gestaltete Callas-Kassette kommt goldbarrenschwer daher und beansprucht sogleich einen Sonderplatz im Regal. Ihre 69 CDs mit sämtlichen Studioaufnahmen der Jahre 1949 bis 1969 sind nicht einfach zu dem üblichen Bauklotz zusammengepackt, sondern werden stufenförmig als Preziosen inszeniert, wie in einer Schmuckschatulle. Jede einzelne ziert das Autogramm der Callas.

Während man sich fragt, welches Jubiläum man wohl verpasst habe, fällt einem ein, dass die EMI 2007 just dieses Paket mit 26 Opern-Gesamtaufnahmen und 13 Recitals zum 30. Todesjahr der Diva neu herausgebracht hat. Vielleicht wird die Musikwelt jetzt regelmäßig im Abstand von sieben biblischen Jahren mit Callas-Heiligtümern beglückt?

Es gibt triftige Gründe für eine solche Wiederauflage. Neben den ästhetischen, dass eine exzeptionelle Künstlerin wie die Callas jederzeit jede Veröffentlichung verdient hat, existieren auch diesseitige. Aus der Callas nämlich lässt sich auch 37 Jahre nach ihrem frühen Tod ganz ohne Jubiläen noch verlässlich Geld schlagen. Während die Göttliche in ihren letzten Lebensjahren vereinsamt, tablettensüchtig, mit ruinierter Stimme und – wie später gerne betont wurde – mit gebrochenem Herzen ein trauriges Dasein in ihrer Pariser Wohnung in der Avenue George Mandel fristete, setzte die Verklärung zum Mythos post mortem mächtiger und nachhaltiger ein als bereits zu Lebzeiten. Maria Callas, die ihre Kunst aufs Spiel gesetzt und verspielt hatte, um zu leben, konnte sich dagegen nicht wehren.

Geradezu prosaisch wirkt die Betriebsstrategie des Major Labels Warner, das nach der Übernahme der EMI mit diesem Pracht-Schuber seinen Besitzanspruch an der größten aller Sängerinnen öffentlich macht. Aber so funktioniert der Markt. Sensationell in der Tat ist die neue Technik, mit der es gelingt, das Klangbild von jener Patina aus Knistern, Rauschen und einer Fülle sonstiger Störgeräusche zu befreien, das die Aufnahmen bislang in auratischer Distanz zum Hörer hielt – und zugleich seiner Fantasie Nahrung gab. Das dicke Begleitbuch zur Box informiert ausgiebig über die allerneuesten digitalen Verfahren, die es den Technikern der Londoner Abbey Road Studios erlaubten, den Klang von allen Schlieren zu reinigen und die Stimme so direkt, ja unmittelbar erscheinen zu lassen, als blicke man der Callas mit einem Laryngologen-Spiegel in die Kehle. Alles Dumpfe, Verschattete verschwindet auf diese Weise, ohne dass jedoch – wie die Techniker beteuern – die Substanz der Stimme je unsittlich berührt worden wäre. Die neuen Verfahren rücken dem Originalklang in Zoombewegungen so intim auf den akustischen Leib wie noch nie. Der aufwendige Restaurationsprozess profitierte nicht zuletzt davon, dass man erstmals auf die sogenannten Mutterbänder zurückgreifen konnte – die zuvor als sakrosankt galten –, anstatt wie üblich das Klangmaterial älterer Veröffentlichungen lediglich digital ein wenig aufzuhübschen.