Plötzlich fliegt alles in die Luft. Die riesige Villa und ihr gesamter Inhalt wirbeln durcheinander: Möbel, Fernseher, Kühlschrank nebst Dosen und gerupftem Geflügel, Bücher. Dann schweben die Dinge in Zeitlupe vorm blauen Himmel, zu einer erst sphärischen, später selbstexplodierenden Musik von Pink Floyd. Dabei hat keiner eine Bombe gezündet. Es ist die Fantasie der Protagonistin im Film Zabriskie Point, in der sich die politischen, emotionalen und existenziellen Spannungen entladen, die sich bis dahin aufgebaut haben. Als Zuschauer von Michelangelo Antonionis Film von 1970 starren wir bei diesen Schlussszenen gebannt auf die Leinwand, gebannt im Versuch zu verstehen, da die Explosion jeden erwartbaren Gang der Erzählung sprengt. Und wir lassen uns mitreißen, wir lassen "aus freien Stücken etwas mit uns geschehen, das wir uns niemals selbst hätten einfallen lassen können".

Eine solche Erfahrung ist für Martin Seel exemplarisch für das, was er "aktive Passivität" nennt. Denn der Zuschauer müsse sich selbst auf den Film als Kunstobjekt aktiv einlassen, um passiv von ihm ergriffen werden zu können. Solch eine Begegnung mit einem Kunstwerk mache den Kern ästhetischer Erfahrung aus. Diesen Gedanken führt der Frankfurter Philosoph in verschiedenen Varianten aus, besonders eindrücklich und erhellend im Aufsatz Was geschieht hier? Beim Verfolgen einer Sequenz in Michelangelo Antonionis Film "Zabriskie Point". Teile dieses Aufsatzes finden sich auch in Seels letztem, 2013 erschienenen Buch Künste des Kinos, das ganz dem Film als Kunstform gewidmet ist. Darin hatte er am Beispiel von Zabriskie Point und anderen kanonischen Werken den Film in all seinen Facetten untersucht, von seiner Beziehung zur Architektur bis zu seinem Verhältnis zur Philosophie.

Im vorliegenden Band sind nun verschiedene Aufsätze aus den letzten zehn Jahren versammelt, und zwar nicht nur aus der Ästhetik, sondern auch aus der Erkenntnistheorie und der Ethik. Seel meint nämlich, dass Zustände von aktiver Passivität für gelingende menschliche Existenz auch über das Schöne hinaus relevant seien, nämlich im Bereich des Wahren und Guten – so die drei Stichworte zur Einteilung des Buchs.

Für den Bereich des Wahren, also in erkenntnistheoretischen Zusammenhängen, findet Seel aktive Passivität beispielsweise in der Tätigkeit des Überlegens selbst, denn dabei müsse man sich von Gründen bestimmen lassen, wie er in seiner Frankfurter Antrittsvorlesung Die Fähigkeit zu überlegen. Elemente einer Philosophie des Geistes hervorhebt: "Sich zu überzeugen heißt, sich überzeugen zu lassen; sich überzeugen lassen aber kann nur, wer selbst überlegend tätig ist." Und im Bereich des Guten, also in der Ethik, findet Seel einen Platz für das titelgebende Paradox, insofern auch hier die Fähigkeit, sich aus freien Stücken von etwas anderem bestimmen zu lassen, entscheidend sei – nämlich hier von etwas, das die subjektiven Wünsche übersteigt, sodass man sich auf Verhältnisse einlassen könne, die intersubjektiv und allgemein gut seien. Das erläutert er unter anderem in dem engagierten Aufsatz zur Frage, ob "eine rein säkulare Gesellschaft denkbar" wäre (was er bejaht, aber nicht unbedingt für wünschenswert hält). Was Seel hier etwas umständlich formuliert, meint im Grunde die bekannte moralische Haltung, dass man seinen Partner oder seine Mitbürgerin oder jeden, der in christlicher Sprache gerade der "Nächste" ist, in seinen jeweiligen Interessen ernst nimmt und zu seinen Gunsten auf die Durchsetzung eigener Interessen verzichtet.

Man kann sich diese Ideen von Seel gut in geschmeidigen Sätzen vorführen lassen, entlang von Ausschnitten aus philosophischen Theorien, aus deren Fundus er großzügig schöpft. Hegel steht als beständigster Pate im Hintergrund, außerdem bezieht er sich oft auf dessen Nachfolger in der Frankfurter Schule, also Adorno, Habermas, Honneth. Man kann sich von Seel in manchem Gedanken bestätigen und mit anderen überraschen lassen, etwa zu "Neugier als Laster und als Tugend" oder im Essay Schönheit – eine kleine begriffliche Reise. Hier vertritt Seel die konservative These, dass das Schöne auch immer "etwas in sich Gutes" sei.

Allerdings erfährt man oft wenig von den Kräften, die unter der Oberfläche der Thesen am Werk sind, also von den Argumenten der großen Theorien, die miteinander im Streit sind. Dialektische Schärfe steht hier nicht im Vordergrund. Dass dies für einen interessanten Umgang mit Theorien gar nicht unbedingt nötig ist, hat Seel in vorherigen Büchern bewiesen, in denen er mit der akademischen Form gebrochen hat, wie vor allem in dem – ausgerechnet – Theorien genannten Aphorismen-Band von 2009. Oder, noch einmal anders, in 111 Tugenden, 111 Laster (2011) , einem Buch, in dem er durch reine, geradezu literarische Phänomenbeschreibungen den Theorien grundsätzlich in die Parade fährt. Die Gedanken der jetzt vorliegenden akademischen Aufsätze sind der Sache nach zumeist weder besonders neu noch besonders aufregend begründet. Im Vordergrund steht das Spiel mit paradoxalen Formulierungen.

Denkerische Anstöße geben diese Texte jedoch allemal. Und übers Denken hinaus kann es der Anstoß sein, sich bewusster auf ästhetische Erfahrungen einzulassen; sich etwa Zabriskie Point anzusehen und danach einen neuen Blick für Situationen im Leben zu haben, in denen eigentlich nichts anderes als eine Explosion fällig wäre.