Viele Ingenieurstudenten müssen Mathe pauken – obwohl sie für ihren späteren Beruf davon wenig brauchen

Im Handy, im Auto und im Versicherungsvertrag steckt viel Mathematik. Aber die bleibt in der arbeitsteiligen Gesellschaft verborgen. Um eine sichere Webseite aufzurufen, muss ich keine Verschlüsselung mithilfe des chinesischen Restsatzes programmieren. Um ein Auto zu fahren, muss ich keine Zahnräder aus Kreis-Evolventen konstruieren. Um eine Versicherung abzuschließen, muss ich nicht mit der Solvency-II-Standardformel prüfen, ob der Versicherer liquide ist.

Selbst viele Ingenieure kommen trotz des hohen Stellenwerts der Mathematik in ihrem Studium später mit einer Minimalausstattung aus: Man entwickelt selten neue mathematische Modelle, sondern wendet meist Bekanntes an ‒ und das ist zu griffbereiten oder sogar in Normen vorgeschriebenen Rezepten vereinfacht. Wenn ich im Beruf stehende Ingenieure frage, wann sie das letzte Mal eine Differenzialgleichung gelöst haben, erhalte ich ernüchternde Antworten. Statt mit höherer Mathematik ist man mit Dreisatz befasst.

Und tatsächlich stellt sich die Frage: Würde ich über eine Brücke fahren wollen, die jemand gebaut hat, der keine Differenzialgleichung lösen kann? Oder wäre es sogar riskant, wenn der Planer selbst eine Differenzialgleichung aufgestellt und gelöst hätte? Eigentlich hoffe ich, dass eine für diesen Zweck akzeptierte Simulationssoftware im Einsatz war und dass sich alle Beteiligten an die Vorschriften gehalten haben.

Noch vor wenigen Jahren habe ich selbst meinen Studenten erklärt, man müsse solche Simulationssoftware zumindest in groben Zügen selbst entwickeln können, um mögliche Stolpersteine zu erkennen. Aber nicht nur die Leistung der Rechner wächst beständig, sondern auch die Simulationssoftware wird weiterentwickelt.

Das Mathematik-Curriculum der Ingenieure ist vielleicht bloß eine Hinterlassenschaft aus der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende, als die Technischen Hochschulen um ihre akademische Anerkennung gekämpft haben ‒ um sich schließlich in Technische Universitäten umzubenennen. Heute sind es die Fachhochschulen, die akademisch aufsteigen wollen. Mathematik ist dafür nicht nur ein bloßes Symbol. Vielmehr drohen den Studenten bei einem Wechsel von der FH zur Uni viele nachzuholende Prüfungen, wenn ihr FH-Studium zu untheoretisch scheint.

Mathematik als Symbol akademischen Anspruchs ist ein notdürftig kaschierter Numerus clausus: Man lässt viele Bewerber zu und steckt sie in Veranstaltungen mit marginaler Didaktik, aber hart benoteter Klausur. Wer die schafft, wird wohl auch den Rest des Studiums überstehen. Diese Art von Härtetest frisst Lebenszeit und ist sozial ungerecht, weil nicht alle von ihren Eltern gepusht und mit bezahlter Nachhilfe gecoacht werden.

Ein zweiter, zumindest potenzieller Zweck der Mathematik im Ingenieurstudium könnte sein, Denken und Diskutieren zu lernen ‒ im Sandkasten der Mathematik. Falls dagegen ‒ die dritte Möglichkeit ‒ die direkte Berufsqualifizierung im Mittelpunkt stehen soll, muss man sich klarmachen, dass die Absolventen von Ingenieurstudiengängen oft ins Marketing oder in den Service gehen. Und wer noch wirklich in der Entwicklung tätig ist, beschäftigt sich vor allem mit der Auswahl zuzukaufender Komponenten gemäß Datenblatt.

Gänzlich absurd sind Prüfungen, die sich bestehen lassen, indem man Lösungsrezepte zu Jahr um Jahr bis auf die Zahlenwerte identischen Klausuren auswendig lernt. Die schriftliche Abfrage von Rechenmethoden untergräbt die Idee, dass man an der Mathematik Denken und kreatives Arbeiten lernt.