Lieber Oz, ich werde Dein Lächeln vermissen. Dieses einfältige Punkt-Punkt-Strich-Grinsen, das Du in den letzten 30 Jahren auf jedem Poller, Stromkasten oder Straßenschild in Hamburg hinterlassen hast. Oft an Stellen, bei denen ich mich gefragt habe, ob Du wahnsinnig bist. Wahrscheinlich warst Du es. Ein bisschen.

Du hast mein Leben begleitet, seit ich 15 bin, obwohl ich damals noch nicht in Hamburg, sondern in einer mittelgroßen Stadt in Süddeutschland gewohnt habe. Trotzdem warst Du mein Vorbild. Dich hatte es gerade nach Hamburg verschlagen, ich besuchte in dieser Zeit Veranstaltungen, die wir Jams nannten. Dort trafen sich Rapper, Breakdancer und Sprüher, um über ihre Taten zu sprechen. Es ging darum, wer wo wann "krass gebombt" hatte oder "derbe gebusted" wurde, will heißen: große Graffiti gemalt hatte beziehungsweise dabei erwischt worden war.

Einmal saß einer aus Hamburg dabei und erzählte, dass es dort so einen crazy Typen gebe, verdammt alt schon (Du warst damals wohl Anfang vierzig), der die ganze Stadt mit Smileys zumale und als Tag, als Erkennungszeichen, nur zwei Buchstaben verwende: Oz.

Wir fanden das praktisch. Schließlich brauchten wir selbst oft ziemlich lange, um unsere Kunst auf den Beton zu bringen. Vor allem aber war Deine Existenz ein Versprechen: Erwachsen werden und trotzdem dieses unangepasste Leben weiterführen, das war möglich. Wir wollten später werden wie Du: coole, alte Sprüher-Säcke. Dafür liebten wir Dich und die Smileys.

Heute weiß ich, dass Du dieses lässige Leben nie geführt hast. Du hast nicht Hip-Hop, sondern Blues gehört. Du hast mit dem Daumen gesprüht, statt mit dem Zeigefinger, was erklärt, warum Deine Pieces, mal ehrlich, nie wirklich geil waren.

Trotzdem wolltest Du, dass sich auch außerhalb des Jobcenters jemand für Dich interessierte. Das hast Du geschafft – weil Du konsequent warst, jede Nacht losgezogen bist, um "die Stadt zu verschönern", wie Du es nanntest. Du bist sogar dafür in den Knast gegangen. Acht Jahre insgesamt.

Und Du hast es nicht geschafft, weil Du Dich dem Hype, den es später um Deine Graffiti gab, entzogen hast. Vielleicht hast Du auch einfach nicht gewusst, wie man so einen Medienrummel für sich nutzt. Banksys Bilder jedenfalls hängen heute im Wohnzimmer von Christina Aguilera.

Auch Dir hat man mal ein Atelier angeboten. Aber das wolltest Du nie so richtig. Schon klar, Streetart ist keine Streetart mehr, wenn man sie nach drinnen verlegt. Trotzdem frage ich mich bis heute, ob das, was Du da gemacht hast, Kunst ist oder ob Hausbesitzer, Denkmalschützer und die Hochbahngesellschaft nicht auch zu Recht sauer auf Dich sind.

Was ist Kunst, und was ist Sachbeschädigung? Diese große Debatte hast Du in Hamburg ausgelöst. Wahrscheinlich war genau das Deine Aufgabe.