Was genau eigentlich wurde Russland vor der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 über die Zukunft der Nato versprochen? Haben die Vereinigten Staaten der Sowjetunion tatsächlich formell zugesagt, das Militärbündnis werde nicht nach Osten expandieren? Regelmäßig behaupten russische Diplomaten, Washington habe genau dies getan, im Austausch dafür, dass die Sowjetunion ihre Truppen aus der DDR abziehe. Dieses Versprechen sei anschließend gebrochen worden, denn in drei Erweiterungsrunden nahm die Nato bis 2009 insgesamt zwölf osteuropäische Staaten auf.

Mittlerweile sind viele einstmals als geheim klassifizierte Dokumente aus den Jahren 1989 und 1990 öffentlich gemacht worden. Sie zeigen, schlicht gesagt: Es gab niemals eine formelle Zusage über eine Nicht-Expansion der Nato, wie Russland behauptet. Allerdings deuteten Vertreter von USA und Bundesrepublik kurzzeitig ein derartiges Angebot an. Im Gegenzug bekamen sie "grünes Licht" für die deutsche Wiedervereinigung. Es ist diese zeitliche Abfolge, die seitdem die Beziehungen zwischen Washington und Moskau belastet.

Anfang 1990 war die künftige Rolle der Nato wiederholt Thema vertraulicher Gespräche zwischen US-Präsident George H. W. Bush, seinem Außenminister James Baker, Bundeskanzler Helmut Kohl, Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher und dem britischen Außenminister Douglas Hurd.

Aus Unterlagen des Auswärtigen Amts geht hervor, dass Genscher dem Briten Hurd am 6. Februar sagte, Gorbatschow werde ausschließen wollen, dass die Nato in die DDR expandiere, ganz zu schweigen von Osteuropa. Genscher regte eine Presseerklärung des Bündnisses an mit dem Tenor: "daß die Nato nicht beabsichtige, ihr Territorium nach Osten auszudehnen". Eine derartige Aussage dürfe sich nicht nur auf Ostdeutschland erstrecken. Beispielsweise benötige die Sowjetunion "die Sicherheit, dass Ungarn bei einem Regierungswechsel nicht Teil des westlichen Bündnisses werde". Genscher drängte darauf, dass die Nato sofort über das Thema berate. Hurd stimmte ihm zu.

Drei Tage später sprach US-Außenminister Baker in Moskau direkt mit Gorbatschow. Baker machte sich handschriftliche Notizen seiner Äußerungen und markierte Schlüsselbegriffe mit Sternchen: "Endergebnis: Vereintes Dtland verankert in ★(polit.) veränderter Nato – ★deren Jurisd. sich nicht ★ostwärts verschieben würde!"

Am 9. Februar scheinen Bakers Notizen die einzige Stelle gewesen zu sein, an der sich eine derartige Zusage schriftlich finden lässt. Das wirft eine interessante Frage auf: Wenn Bakers "Endergebnis" darin bestand, dass sich die Jurisdiktion der Nato, also der Wirkungsbereich der Bündnisfallklausel, nicht nach Osten verschiebt, bedeutete dies, dass sie sich nach der deutschen Wiedervereinigung auch nicht auf Ostdeutschland erstrecken sollte?

Genscher und Kohl standen damals kurz vor einem eigenen Moskau-Besuch. Baker hinterlegte beim westdeutschen Botschafter in Moskau ein Geheimschreiben für Kohl. In dem Schreiben erklärt Baker, dass er gegenüber Gorbatschow die entscheidende Aussage als Frage formuliert habe: "Wäre Ihnen ein vereinigtes Deutschland außerhalb der Nato, unabhängig und ohne US-Streitkräfte lieber, oder würden Sie ein Deutschland im Rahmen der Nato bevorzugen, begleitet von der Zusage, dass sich die Jurisdiktion der Nato nicht einen Zentimeter ostwärts von ihrer jetzigen Position bewegt?" Baker hat vermutlich vorsätzlich die Option eines ungebundenen Deutschlands so präsentiert, dass sie auf Gorbatschow unattraktiv wirkte. Baker zufolge antwortete Gorbatschow: "Jedwede Ausdehnung der Nato wäre sicherlich inakzeptabel." Nach Auffassung Bakers deutete Gorbatschows Reaktion darauf hin, dass "die Nato in ihrer jetzigen Ausdehnung akzeptabel sein könnte".

"Die Nato werde sich nicht nach Osten ausdehnen."

In Washington beugte sich der Stab des Nationalen Sicherheitsrats über einen Bericht des Gesprächs. Er kam zu der Einschätzung, dass eine derartige Lösung unpraktisch wäre. Wie könnte sich die Bündnisgarantie der Nato nur auf ein halbes Land erstrecken? Deshalb erstellte der Sicherheitsrat im Namen von Präsident Bush ein Schreiben für Kohl, das der Kanzler erhielt, kurz bevor er sich auf die Reise nach Moskau machte. Anstatt, wie Baker es getan hatte, anzudeuten , dass sich die Nato nicht ostwärts bewegen würde, wurde in diesem Brief ein "militärischer Sonderstatus für das jetzige Territorium der DDR" angeregt. Wie genau dieser Sonderstatus aussehen würde, wird nicht erläutert, aber die Folgen wären eindeutig: Ganz Deutschland würde Mitglied der Nato werden, doch damit Moskau diese Entwicklung leichter schlucken könnte, würden gesichtswahrende Einschränkungen für den östlichen Teil des Landes ausgehandelt – wie etwa Einschränkungen von Aktionen bestimmter Nato-Truppen.

Vor seinem für den 10. Februar 1990 geplanten Besuch bei Gorbatschow fand sich Kohl nun in einer vertrackten Lage. Er hatte zwei Schreiben erhalten. Das eine war von Bush, das zweite von Baker, und beide unterschieden sich in der Wortwahl zu ein und demselben Thema. Im Bush-Schreiben wurde angedeutet, dass sich die Grenze der Nato in Richtung Osten verschieben würde, im Baker-Schreiben nicht.

Laut Unterlagen aus dem Kanzleramt entschied sich Kohl für die weichere Linie, denn sie, so hoffte er, würde vermutlich eher zum angestrebten Ergebnis führen – der Erlaubnis Moskaus, mit der Wiedervereinigung Deutschlands zu beginnen. Deshalb beteuerte Kohl gegenüber Gorbatschow, dass die Nato ihr Territorium natürlich nicht auf das derzeitige Territorium der DDR ausdehnen könne. In parallel stattfindenden Gesprächen vermittelte Genscher seinem russischen Amtskollegen Eduard Schewardnadse eine ähnliche Botschaft: "Für uns stehe aber fest: Die Nato werde sich nicht nach Osten ausdehnen."

Ähnlich wie bei Bakers Treffen mit Gorbatschow gab es keine schriftliche Vereinbarung. Nachdem er wiederholt diese Beteuerungen gehört hatte, gab Gorbatschow der Bundesrepublik "grünes Licht", wie Kohl es später nannte, eine Wirtschafts- und Währungsunion zwischen Ost- und Westdeutschland vorzubereiten – der erste Schritt hin zur Wiedervereinigung. Kohl hielt sofort eine Pressekonferenz ab, um sich seinen Erfolg nicht mehr nehmen zu lassen. In seinem Buch Ich wollte Deutschlands Einheit schreibt er, vor Freude habe er in jener Nacht nicht schlafen können, der klirrenden Februarkälte zum Trotz habe er noch einen langen Spaziergang über den Roten Platz zum Lenin-Mausoleum gemacht.

Kohls Formulierungen wurden von wichtigen Entscheidern im Westen rasch als Ketzerei abgekanzelt. Kaum war Baker nach Washington zurückgekehrt, schwenkte er auf den Kurs des Sicherheitsrats ein und übernahm dessen Position. Von da an befolgte Bushs außenpolitische Mannschaft eine strikte Linie. Äußerungen darüber, dass die Nato ihre Grenzen von 1989 beibehalten könnte, fielen nicht mehr.

Auch Kohl brachte seine Wortwahl auf Linie zu Bush, wie die amerikanische und die deutsche Mitschrift vom Treffen der beiden belegen, das am 24. und 25. Februar in Camp David stattfand. Bush hielt gegenüber Kohl nicht hinter dem Berg damit, was er über Kompromisse mit Moskau dachte: "Zur Hölle damit. Wir haben uns durchgesetzt, sie nicht. Wir können nicht zulassen, dass die Sowjets die Niederlage in letzter Minute abwenden."

Kohl hielt dagegen, dass Bush und er einen Weg würden finden müssen, wie man Gorbatschow zufriedenstelle. Letztlich werde es alles eine Frage des Gelds sein, so Kohl, woraufhin Bush erwiderte, "der Bundeskanzler habe große Taschen". Und so wurde eine schlüssige Strategie entwickelt: Ziel sei es gewesen, "die Sowjets rauszubestechen", erklärte später der damalige stellvertretende Sicherheitsberater Robert Gates. Für diese Bestechung aufkommen würde Deutschland.

Bush und Kohl hatten richtig vermutet: Gorbatschow würde sich tatsächlich den westlichen Wünschen beugen, solange er dafür entschädigt würde. Er brauchte das Geld. Amerikas Botschafter in Moskau, Jack Matlock, meldete im Mai 1990, Gorbatschow wirke weniger und weniger wie der Inhaber der Staatsmacht, sondern "mehr wie ein Führer unter Druck". Es gebe zahllose Anzeichen für eine Krise, so Matlock: "Rasch ansteigende Verbrechensraten, starke Zunahme der regierungskritischen Demonstrationen, Aufblühen separatistischer Bewegungen, Eintrübung der Wirtschaft ... und ein langsamer, ungewisser Machttransfer von Partei auf Staat und von Zentrum zu Peripherie."

Ohne ausländische Hilfe würde es Moskau schwerfallen, diese Probleme zu lösen. Blieb die Frage, ob die Bundesrepublik so helfen konnte, dass der Anschein vermieden würde, man habe Gorbatschow die Zustimmung dafür abgekauft, dass das wiedervereinigte Deutschland Mitglied in einer Nato sein könne – in einer Nato noch dazu, deren Osterweiterung keinen echten Einschränkungen unterliege.

Eine schwierige Aufgabe, die Kohl aber in zwei Anläufen bewältigte: zunächst in einem bilateralen Treffen mit Gorbatschow im Juli 1990, gefolgt im September des Jahres von zwei emotionsgeladenen Telefonaten. Gorbatschow willigte letztlich ein, dass ein wiedervereinigtes Deutschland der Nato angehören dürfe, wobei im Gegenzug gesichtswahrende Maßnahmen vereinbart wurden, etwa eine Schonfrist von vier Jahren für den Truppenabzug. Außerdem erhielt er zwölf Milliarden D-Mark und drei Milliarden D-Mark zinsloser Kredite, um unter anderem Wohnungen für rückkehrende sowjetische Soldaten bauen zu können. Was er nicht erhielt, waren irgendwie geartete Garantien, dass die Nato nicht expandieren werde.

Auf kurze Sicht standen die Vereinigten Staaten damit als Sieger da. Sie und die Bundesrepublik hatten Gorbatschow gekonnt ausmanövriert und den Geltungsbereich der Nato auf Ostdeutschland erweitert, ohne Versprechen über die Zukunft des Bündnisses abgeben zu müssen. Ein Mitarbeiter aus dem Stab des Weißen Hauses erstellte eine Rangliste eines Dutzends möglicher Ergebnisse vom "angenehmsten" (keinerlei Einschränkungen für die Nato, während sie die ehemalige DDR aufnimmt) bis zum "abträglichsten" (ein vollkommen "neutrales/blockfreies" Deutschland). Das letztlich erreichte Ergebnis lag irgendwo zwischen dem besten und dem zweitbesten Szenario. Nur selten kann ein Land internationale Verhandlungen dermaßen erfolgreich abschließen.

Aber wie schrieb Baker sinngemäß und vorausschauend in den Memoiren? Fast jeder Erfolg trage auch die Saat für ein künftiges Problem in sich. Die Saat bestand darin, dass Russland nach Ende des Kalten Kriegs am Rande des neuen Europas stand. Ein junger KGB-Offizier, der 1989 in der DDR stationiert war, erinnerte sich ein Jahrzehnt später auf seine Weise in einem Interview an diese Zeit und daran, wie verbittert er nach Moskau zurückkehrte, weil "die Sowjetunion ihren Platz in Europa eingebüßt hatte". Sein Name war Wladimir Putin, und eines Tages würde er die Macht besitzen, auf diese Verbitterung zu reagieren.

Aus dem Englischen von Matthias Schulz