Das Eckhaus gegenüber der Autowerkstatt und der verriegelten Bodega, ganz in der Nähe von Brooklyns hochgiftigem Gowanus Canal, trägt neuerdings Trauer: Inmitten des Durcheinanders schäbiger kommerzieller Fassaden gebietet der mattschwarz gestrichene Klinkerkasten Respekt. Märtyrerfiguren in den hohen Schaufenstern ziehen überraschte Passanten an. Sie blicken in einen großen Raum mit Büchertischen und Regalen, Cafétheke und Vitrinen voller Kuriositäten: ein Sensenmann in perlenbesetztem Gewand, eine ausgestopfte Maus in goldbestrasstem Kostüm, weiße Ratten mit Flügeln und andere Chimären.

An einem Tisch sitzen eine Frau und ein Mann und plaudern entspannt über Jenseitiges. Die Frau, ganz in Schwarz gekleidet, nippt Kaffee aus einem ebenfalls schwarzen Pappbecher. Joanna Ebenstein ist die Gründerin des Morbid Anatomy Museum (MAM), das hier in den Räumen eines ehemaligen Nachtclubs eröffnet hat: ein Museum zum Thema Tod und Trauerkultur, zu dessen Konzept auch Vorträge gehören – heute Abend zum Beispiel über die sogenannten Cabarets of Death, drei Kleinkunstbühnen der Pariser Belle Époque mit einer Mischung aus Horror, Humor und Sex im Programm. Im Moment unterhält sich Joanna Ebenstein noch mit John Troyer vom Zentrum für Tod und Gesellschaft der Universität zu Bath, dem Gastgelehrten des Museums. Ein Gerippe aus Pappmaché mit goldenen Zähnen, das auf einem schwarzen Ledersessel sitzt, leistet ihnen Gesellschaft.

In der Ausstellung im ersten Stock dagegen verbreitet gleich zu Anfang ein Stillleben mit schwarz verschleiertem Spiegel, Alabasterurne und einem Bouquet getrockneter Rosen melancholische Stimmung. In der folgenden Galerie hängt im Salonstil eine Auswahl von Post-Mortem-Fotografien: das Porträt einer Mutter mit wunden Augen, die ihr totes Baby wie eine prächtig ausstaffierte Puppe im Arm hält; das Bildnis eines vermeintlich schlummernden, blumenbekränzten Kindes; und ein Gruppenfoto mit einem jungen Mann im Vordergrund, dessen verstorbene Familienmitglieder sich in geisterhafter Überbelichtung hinter ihm versammelt haben.

Die Bilder stammen alle aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals führte Königin Victoria, verzweifelt über den frühen Typhustod ihres Gatten Albert, eine Trauerkultur in England ein. Vier Dekaden über war es üblich, Verstorbener in langen Trauerphasen zu gedenken, für die detaillierte Kleidungs- und Verhaltenscodes galten. Besonders anrührend sind die im MAM ausgestellten Amulette, Ohrringe und Rosenkränze, die Hinterbliebene oft aus dem Haar Verstorbener anfertigen ließen. Auch in anderen Ländern existierte in jener Zeit ein sentimentaler Erinnerungskult. Die Totenmaske an einer der weiteren Wände stammt etwa aus Paris – von einer Unbekannten, die in der Seine ertrank. Ihr rätselhaftes Mona-Lisa-Lächeln faszinierte die Menschen einst so sehr, dass das Gipsantlitz der "Toten aus der Seine" zu Tausenden aufgelegt wurde und zahllose französische Wohnzimmer zierte. "Es ist kaum mehr als hundert Jahre her, dass man die Toten wie Schlafende im Wohnzimmer drapierte. Man wollte sie friedlich schlummernd in Erinnerung behalten, und sie sollten noch eine kurze Zeit unter den Lebenden weilen", sagt Joanna Ebenstein. Vor gerade mal etwas mehr als hundert Jahren gehörte der Tod noch ganz selbstverständlich zur menschlichen Existenz.

Eine Haltung, die Joanna nicht fremd ist. Die 42-jährige Künstlerin und Historikerin gibt zu, nie den Schritt von der unbekümmerten kindlichen Faszination für totes Getier zum erwachsenen Grauen vor dem drohenden Nichts vollzogen zu haben. Als Mädchen spielte sie am liebsten auf dem Friedhof, konservierte Kadaver von Eidechsen, Vögeln und Schlangen. Der Vater – ein Arzt – unterstützte ihre Leidenschaft und schenkte ihr eine präparierte Fledermaus. Später, sagt sie, hätten ihr die Goths und Heavy-Metal-Kids den Tod gestohlen – "nur die Subkultur beschäftigte sich in Amerika mit ihm, und die ruinierte seinen Ruf".

Joanna begann, ihm andernorts nachzuspüren: In Büchern sah sie die geflügelten Totenköpfe in deutschen Barockkirchen und auf alten Grabsteinen – Symbole für die davonfliegende Zeit. Sie besichtigte Katakomben, Ossuarien und Nekropolen in Frankreich und Italien und entschied sich schließlich, die intellektuelle, künstlerische und praktische Beschäftigung mit dem Tod zu erforschen. Vor sieben Jahren begab sie sich auf eine Pilgerfahrt zu den berühmtesten anatomischen Museen Europas, um die eindrucksvollsten Stücke dort abzulichten. Aus ihren Bildern und Aufzeichnungen entstand ein Blog. Die Resonanz darauf war überwältigend, sodass Joanna unter der Marke "Morbid Anatomy" eine Veranstaltungsreihe ins Leben rief, einen eigenen Verlag gründete, eine Bibliothek mit 2000 Bänden zusammentrug – und das Museum eröffnete.

Die Exponate gehören Joanna oder sind Leihgaben: von Sammlern wie dem New Yorker Augenarzt Stanley Burns, dessen Archiv rund eine Million Fotos und Gemälde enthält, oder der Juwelierin Karen Bachmann aus Brooklyn, die noch heute aus menschlichen Zähnen und anderen unkonventionellen Materialien Trauerschmuck herstellt. Der tabufreie Umgang mit dem Tod macht sie im heutigen Amerika zu einer Minderheit: "Der Kapitalismus verlangt Optimismus, und die Amerikaner werden in dem Glauben erzogen, dass es sich beim Tod um ein Problem handelt, für das man nur eine Lösung finden muss", sagt Joanna Ebenstein. "Der medizinische Fortschritt unterstützt diese Illusion."

Dabei gibt es so viele Arten, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen: Da sind die heiteren Memento mori des britischen Präparators Walter Potter, der in Viktorianischer Zeit Dutzende ausgestopfter Kätzchen beim Kricketspiel oder ein ganzes Klassenzimmer voll starrer Häschen zu Kunstwerken komponierte. Oder die Sitten anderer Länder: "In Korea habe ich es erlebt, dass am Tag der Ahnen Picknicks auf den Friedhöfen veranstaltet werden und die Kinder zwischen den Gräbern spielen." In Mexiko verbrachte Joanna den Día de los Muertos, den Tag der Toten, schon mit Gleichgesinnten in der Stadt Guanajuato. Dort verwesen Leichen dank der Zusammensetzung der Erde nicht und liegen deshalb in einem Mumienmuseum nackt in Glassärgen – ganze Familien streunen mit unbefangenem Voyeurismus durch die Gänge.

Bevor der abendliche Vortrag über die Cabarets of Death beginnt, mischt Joanna noch schnell die passenden Drinks dazu. Das Eau de Vivre aus Kirschkonfitüre und Wodka wurde einst auch in einem der drei Pariser Etablissements serviert und sollte an tuberkulösen Auswurf erinnern. Allmählich tauchen die ersten Zuhörer auf: Der Kunsthistoriker Paul Koudounaris, der am Vorabend über dämonisch besessene Katzen dozierte und kürzlich einen Bildband über kostümierte Heiligenskelette in deutschen Kirchen veröffentlicht hat, erscheint mit bunten Perlen im Pferdeschwanz, geflochtenem Bart, Nasenring und schwarz lackierten Fingernägeln. Die flammend rothaarige Künstlerin Katie Innamorato, die hier einen wöchentlichen Workshop zum Ausstopfen von Eichhörnchen und anderen kleinen Geschöpfen gibt, hält Hof. Der Gastgelehrte John Troyer erzählt Besuchern vom Fin de Siècle in Paris, wo Einbalsamierer anonyme Tote hinter Glas im Leichenschauhaus ausstellten, um so ihre neuesten medizinischen Errungenschaften zu demonstrieren.

Um acht begibt sich die Gruppe von rund 70 unbeschwerten Außenseitern jeden Alters in den gruftkalten Keller zu Mel Gordens Diashow. Der Experte für die Avantgarde der Weimarer Republik wird nun über die Cabarets of Death im Paris der Jahrhundertwende sprechen. Der Tod war damals Entertainment, die Gäste kamen, um sich zu gruseln und zu amüsieren. Im Morbid Anatomy Museum ist es nicht anders. Nach Jahrzehnten der Verbannung hat Joanna Ebenstein ihn zurückgeholt: Hier weilt der Tod wieder unter den Menschen.