Wer nicht weiß, worum es in diesem aufregenden Projekt geht, dem stehen spätestens am Ende von Track vier die Haare zu Berge. Soeben ist Mozarts Sinfonie Nummer 39 in Es-Dur KV 543 verklungen, doch es scheint der notwendige Zeitpuffer für die nächste Sinfonie zu fehlen, die Nummer 40 in g-Moll. Sie beginnt auf dieser CD schier ohne Pause, ein Werk fließt sozusagen ins nächste über. Ein peinlicher Fehler beim Editieren? Oder gar Absicht, planvolles Arrangement?

Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt legt mit seinem Concentus Musicus Wien jetzt die drei letzten Sinfonien Mozarts (Nr. 39 in Es-Dur, Nr. 40 in g-Moll, Nr. 41 in C-Dur) auf zwei CDs vor, und wie so oft hat er auch diesmal eine Mission: Er begreift die drei Meisterwerke nicht als spektakuläre Einzelhöhepunkte, sondern als geheimen Zyklus. Der Dirigent glaubt, es handele sich dabei um die unbekannte Form des Instrumental-Oratoriums.

Die Indizienkette wird von Harnoncourt genau verfolgt. Im Beiheft zu den CDs schreibt er: "Die Es-Dur-Sinfonie beginnt mit einer richtigen Ouvertüre oder Intrada (wie keine der beiden anderen). Die C-Dur-Sinfonie endet mit einem richtigen Finale (wie keine der beiden anderen). Die g-Moll-Sinfonie hat keinen richtigen Anfang. Das, was die Bratschen da zu Beginn spielen, ein g-Moll-Gewaber, könnte schon eine Ewigkeit klingen, Mozart schreibt nur einen Takt."

Die Theorie und deren sprachmächtige Deutung ist das eine, die tönende Realisierung das andere. Doch auch im klanglichen Ergebnis ist Harnoncourt hier so überzeugend wie lange nicht. Sogar für totgespielte Stellen findet er einfallsreiche, überwältigend einleuchtende Lösungen. Dieser Mozart ist leuchtend schroff, rebellisch, trotzdem kammermusikalisch reich geädert, manchmal stark von Pauken und Bläsern dominiert, jedenfalls nie streicherglanzselig. Das Finale der Es-Dur-Sinfonie gelingt tatsächlich als monothematischer Ideenblitz.

Natürlich ist der ewige Widersprecher Harnoncourt bestrebt, dem Vorhaben sein Hufeisen aufzudrücken – und so gibt es viele glühende Momente wie auch zahlreiche kleine Verzögerungen, die in der Partitur so nicht zu finden sind. Aber Harnoncourt formuliert sie mit solch suggestiver Kraft, dass man sie nur zu gern akzeptiert. Und der Concentus Musicus Wien spielt bravourös. Trefflich argumentiert!

Mozart: Sinfonien Nr. 39, 40 und 41 (Sony)