Hat Europa 1989 eine Revolution erlebt? Sind die umstürzenden Ereignisse der späten 1980er Jahre in Osteuropa auf einen Nenner zu bringen? Viele Beteiligte sprachen damals von einer Revolution, fügten jedoch relativierende Beiwörter wie "friedlich" (DDR), "samten" (Tschechien), "zart" (Slowakei), "singend" (Estland) hinzu, um den gewaltlosen Charakter des Übergangs zu betonen, ohne das Heroische, Riskante und Aufopferungsvolle am Handeln der Protagonisten in Zweifel zu ziehen.

Auf theoretischer Ebene ging es um eine "sich selbst einschränkende" Revolution, wie der polnische Bürgerrechtler Jacek Kuroń es nannte, eine Revolution, für die der Historiker Timothy Garton Ash sogar das Kunstwort "Refolution" prägte – eine Mischung aus Reform und Umsturz. In Ungarn schieden sich die Geister an dem Terminus "Systemwechsel" (Liberale) oder der etwas abschätzigen Variante "Systemänderung" (Nationalkonservative). Einige, hauptsächlich westliche Autoren bevorzugten wertfreiere Ausdrücke wie "Transformation" oder "Übergang" und bezeichneten die neu entstandenen Demokratien als "Reformstaaten". Hinter der terminologischen Vielfalt steckte selbstverständlich die uneinheitliche Beurteilung der Ursachen, der Dynamik, der bewegenden Kräfte und der Tragweite des Untergangs der Diktaturen in Osteuropa und der Auflösung der Sowjetunion.

Der 47-jährige Wiener Historiker Philipp Ther, der den Herbst 1989 in Prag erlebte und mehrere Jahre in Tschechien, Polen, der Ukraine verbracht hat, hat nun eine wegweisende Darstellung des Umbruchs vorgelegt: Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa.

Ther hatte vor vier Jahren in einem Aufsatz versucht, der für alle betroffenen Länder "gemeinsamen transnationalen Ursache" der Umwälzungen auf die Spur zu kommen. Er entdeckte sie in Gorbatschows Reformen und deren nicht intendierten Konsequenzen. Perestroika und Glasnost lösten einen Dominoeffekt in Osteuropa aus, durch den Bürgerbewegungen und innere Reformer zum Zuge kamen und das Demokratisierungsprojekt gegenüber der Nomenklatura, die ohne Moskaus Rückendeckung machtlos war, friedlich durchsetzen konnten. Welthistorisch gesehen und selbst von manchen Dissidenten ungewollt, geschah, was der US-Wirtschaftshistoriker Robert Heilbronner in knappen Worten auf den Punkt brachte: "Der Kampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus ist beendet. Der Kapitalismus hat gesiegt."

In seinem Buch schildert Philipp Ther nun den Vormarsch des neoliberalen ökonomischen Konzepts gegenüber der sozialstaatlichen Wirtschaftspraxis zuerst in Großbritannien unter Margaret Thatcher und dann in den USA während Ronald Reagans Präsidentschaft. In diese Entwicklung wurden die Länder des osteuropäischen "realen Sozialismus" schon aufgrund ihrer tiefen Verschuldung involviert.

Das größte Problem der mit dem Westen kooperierenden Ostblockstaaten, zeigt Ther, bestand darin, dass sie, um sozialen Unruhen vorzubeugen, einen gewissen, bescheidenen Lebensstandard garantieren mussten. So in Polen: "Die Demonstrationen (von 1970, 1976, 1980) gingen jedes Mal auf die Versuche der Regierung zurück, die Preise auf Grundnahrungsmittel anzuheben", was wiederum das Gerechtigkeitsgefühl der Industriearbeiter verletzte. Aber auch die SED folgte ihrer Doktrin "der Einheit der Wirtschafts- und Sozialpolitik", das heißt der Aufrechterhaltung eines künstlichen Wohlstands mithilfe von Milliardenkrediten des "Klassenfeinds", und Kádárs "Gulasch" war ebenfalls mit westlichen Anleihen gewürzt.

Selbst die UdSSR finanzierte sich zunehmend aus unproduktivem Öleinkommen und griff aufgrund des rapide sinkenden Ölpreises zunehmend auf die Finanzierung durch westliche Kreditgeber zurück. Dies war sozusagen die erste Berührung des Ostblocks mit der noch reibungslos funktionierenden Westwirtschaft. Zusätzlich erlitt der "reale Sozialismus" sein Fiasko auch auf einem anderen Feld: "Der Ostblock bestand aus (...) Nationalstaaten oder föderalen Staaten mit national definierten Teilrepubliken." Anders gesagt: Der Staatsbankrott in einem Vielvölkerstaat verwandelte den Zerfall in endlose nationale Zwistigkeiten.

In dem Zusammenbruch der Warschauer-Pakt-Staaten spielten zweifelsohne neben Dissidenten und Parteireformern auch die "breiten Volksmassen" eine Rolle, die man als revolutionär bezeichnen kann. Ther erwähnt, dass in den entscheidenden Novembertagen der "samtenen" Revolution 600.000 der insgesamt 1,2 Millionen Prager beteiligt waren. Die große Kundgebung in Berlin am 4. November 1989 rühmte sich sogar mit bis zu einer Million Teilnehmern, aber auch die mehr als 20.000 Protestierenden in Temesvár, die dem Kugelhagel der Armee und der Securitate trotzten, konnten sich sehen lassen. In Polen und Ungarn, wo die Verhandlungen am Runden Tisch relativ früh anfingen, zeigte sich die Euphorie der Straße viel bescheidener.