Unter den Eidgenossen ist wieder einmal der Kulturkampf ausgerufen worden. Sie streiten sich ums richtige Gründungsjahr ihres Landes. Die einen führen 1291 ins Feld und beschwören die Unabhängigkeit der Schweiz von fremden Richtern. Die anderen berufen sich auf 1848 und die "humanitäre und weltoffene Tradition der Schweiz" (ZEIT Nr. 38/14). Trotz des martialischen Auftretens sind die Kontrahenten wie bei jeder Schwingete aufeinander angewiesen. Im Ringkampf um das nationale Geschichtsbild versichern sie sich gegenseitig ihrer selbst.

Wer diesem Treiben zuschaut, sieht einen selbst auserwählten Volksstamm, der nichts davon wissen will, dass sich jene Bewohnerinnen und Bewohner der Schweiz, deren Vorfahren weder 1291 noch 1848 dabei waren, abseits vom Sägemehlring längst ungefragt neue Lebenswelten einrichten. Doch auch sie haben ihre Gedenkjahre.

Zum Beispiel 2008: Fast 190.000 Menschen, die in der Schweiz leben, denken bei dieser Jahreszahl nicht an die Fußball-Europameisterschaft, sondern an die Unabhängigkeit des Kosovo. Oder 1991: Damals wird Kroatien unabhängig. Oder 1990: Nelson Mandela kommt frei. Auf die Hilfe der offiziellen Schweiz konnte er nicht zählen; sie wollte die guten Geschäftsbeziehungen zum Apartheidregime nicht gefährden, "humanitäre Tradition" hin oder her. Oder 1982: Spanien kehrt zur Demokratie zurück. 1975: Mosambik wird befreit. 1947: Italien wird eine Republik. 1945: die Schreckensherrschaft der Nazis endet. 1923: die Türkei wird gegründet. 622: Mohammed zieht von Mekka nach Medina. 3761 v. Chr.: Die jüdische Zeitrechnung beginnt.

Wer sich nun fragt, was alle diese "fremden" Jahreszahlen mit der Debatte um die Zukunft der Schweiz zu tun haben, hat den Anschluss an die Lebensrealitäten in diesem Land verloren und ist offenbar auf dem heimischen Sofa vor dem nationalen Fernsehprogramm eingeschlafen. Während man in der öffentlich-rechtlichen Arena um die eidgenössische Fernbedienung in Sachen Einwanderung streitet, schaffen die ungeliebten Mitbewohnerinnen und Mitbewohner im Land weitgehend unbeachtet Fakten.

Die Einwanderungsgesellschaft, um deren Anerkennung man sich unter den Schwingerkönigen noch streitet, hat per Definition nur Migrationshintergrund. Heute meint man Problem, wenn man Hintergrund sagt. Die postmigrantische Gesellschaft hingegen hat Migrationsvordergrund. Vordergrund steht für faktische soziale Realität, für selbstbewusste Menschen, die sich nicht mehr als defizitär verstanden wissen wollen. Immer mehr Menschen in der Schweiz haben Biografien, die auf mannigfaltige Weise von Migrationserfahrungen geprägt sind. Sei es von eigenen oder von jenen ihrer Liebsten, ihrer Freunde und Kollegen, ihrer Vorbilder und Idole. In der Schweiz wächst eine neue Generation heran, die längst Grenzen überschreitet: sozial, kulturell, politisch, geografisch und eben auch historisch. Hier gedeiht die Zukunft der Schweiz, ganz egal, was sogenannt weltoffene oder nationalkonservative Eidgenossen davon halten mögen.

Die Vielfalt dieser Lebenswelten und Biografien kann nicht länger auf das Wahrnehmungsraster "Einheimische versus Ausländer" reduziert werden. Denn das Label Secondo steht eben nicht für "zweite Generation", nicht einmal für "Zweitgenosse", sondern für "Bewohner zweiter Klasse".

Bis jetzt spiegelt sich diese postmigrantische Wirklichkeit weder in den verfassungsmäßigen Rechten oder den politischen Institutionen der Schweiz noch in der Reichtumsverteilung oder den Chancen auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt. Die sozialpolitischen Verhältnisse hinken den gesellschaftlichen Realitäten hinterher.

Es wäre jedoch falsch, den dringend nötigen Reformwillen auf diesen Bereich zu beschränken. Kulturelle und soziale Verhältnisse greifen stets ineinander. Und so ist das aktuelle Kulturkämpfli um die Vorherrschaft in der schweizerischen Geschichtspolitik ein Teil des Problems. Es gibt viele junge Menschen in der Schweiz, deren Familiengeschichten von den Erinnerungen an getötete Verwandte in den Balkankriegen, im Israel-Palästina-Konflikt, im Holocaust, in den Bürgerkriegen in Syrien, Sri Lanka geprägt sind. In ihrem Geschichtsunterricht werden sie dazu aber kaum etwas lernen.

Das ist eine Form institutionalisierten kulturellen Ausschlusses. Wenn diese globalisierten Erinnerungsorte in der Geschichtskultur der Schweiz keinen zentralen Ort bekommen, dann kann es keine gemeinsame Zukunft geben.

Dabei ist die Schweiz nicht erst seit gestern tief in eine globale Geschichte verstrickt, die von (Post-)Kolonialismus, Imperialismus und ökonomischer Ausbeutung geprägt wurde. Man muss nicht einmal hinter die Tribünen des offiziellen Schwingfests gucken, um historisch Ausgeschlossenen zu begegnen: Wieso ist etwa in der gegenwärtigen Zahlenschlacht etwa 1971 kein Kandidat für ein Gedenkjahr? In besagtem Jahr wurde der weiblichen Hälfte der Bevölkerung das Stimm- und Wahlrecht gewährt.

Also, was tun? Wir Menschen mit Migrationsvordergrund bieten der herrschenden eidgenössischen Gesellschaft das Gespräch an. Voraussetzung dafür ist allerdings die Bereitschaft, jenseits des Sägemehls zu diskutieren. Klar, die Dinge werden in diesem Land auch weiterlaufen, wenn postmigrantisches Leben weiterhin politisch und kulturell marginalisiert wird. Menschen werden kommen, sie werden bleiben, sie werden sich einrichten. Das ist nicht zu verhindern – nicht mit Initiativen und auch nicht mit Grenzzäunen.

Doch Rassismus, Diskriminierung, Illegalisierung und Ignoranz gerinnen über Generationen hinweg zu kollektiven Erinnerungen und Identitäten. Die Chance auf ein Gemeinsames in der Vielfalt wird so zunehmend kleiner.

Wir möchten einen Perspektivenwechsel vorschlagen: Nicht der Rückblick auf nationale Geschichte ist dazu geeignet, die faktische Vielfalt der Lebenswelten in diesem Land ins Gespräch zu bringen, sondern die Aussicht auf eine gemeinsam gewollte und zu gestaltende gesellschaftliche Zukunft. Wir schlagen daher ein Festjahr in der Zukunft vor. Genauer: einen jährlich zu feiernden Gedenktag im Futur II, der uns daran erinnern soll, was wir als postmigrantische Gesellschaft, sagen wir zum Beispiel bis 2020, werden erreicht haben wollen. Wir nennen es Projekt 2020.

In einer Willensnation wie der Schweiz, für die kulturelle Vielfalt konstitutives Prinzip ist, sollte eine solche Neuauflage einer kollektiven, willkürlichen Erschaffung aus dem Nichts möglich sein. Ein symbolischer Akt wie die Einführung des gemeinsamen Feiertages wäre damit – allein schon als Gedankenexperiment – ein Lackmustest, wie ernst man es in diesem Land mit der "Weltoffenheit" wirklich meint. Und zwar nach außen wie nach innen.