Vielen Spitzenführungskräften fällt es schwer, sich beruflich neu zu orientieren, wenn der Vertrag nicht verlängert wurde.

Am intensivsten spürt Harald Zenke sein neues Leben morgens zwischen acht und zehn. Dann triff man ihn im Prime Time, einem Fitnessstudio im Frankfurter Westend. "Eine Stunde Eisen, eine Stunde Ausdauer" nennt er es, wenn er auf der Flachbank 100 Kilo stemmt und danach auf dem Crosstrainer 3.000 Höhenmeter zurücklegt. Um halb elf sitzt er schließlich am Schreibtisch und tätigt die ersten Telefonate. Erst um halb elf am Schreibtisch! Früher wäre das undenkbar gewesen.

Harald Zenke, 55, war bis vor einem Jahr Chef der Frankfurter Ipex-Bank, einer Tochter der staatlichen Förderbank KfW. Er verantwortete 60 Milliarden Euro Bilanzsumme und 600 Mitarbeiter, er traf millionenschwere Kreditentscheidungen und verdiente fast 500.000 Euro im Jahr. Dann wurde ihm mitgeteilt, dass sein Vertrag nicht verlängert wird. Nach zwei Dritteln seines Lebens muss Harald Zenke noch einmal fast bei null anfangen. Er versucht es auf eine Weise, die für viele ausscheidende Manager naheliegt: als selbstständiger Berater für Unternehmen wie seinen bisherigen Arbeitgeber. Das ist weniger einfach, als es zunächst klingt.

Für einen Mittfünfziger wirkt Zenke erstaunlich jung, auch wenn ihm schon lange die Haare ausgehen. Sein Gesicht hat kaum eine Falte, seine Bewegungen sind fix, sein Händedruck ist kräftig. Die "Stunde Ausdauer" merkt man ihm an. Was noch auffällt: Zenkes Sätze sind klar und schnörkellos, befreit von jedweder Konzerndiktion, der angestellte Manager unterworfen sind. Viele klingen wie Axiome.

Das Gespräch mit ihm findet im Rosso statt, einem Café zwischen den Türmen der City und den Wohnquartieren des Westends. Die Wände hier sind holzvertäfelt, das Licht aus den Wandlampen ist gedimmt. Zenke pendelt weiter nach Frankfurt, obwohl ihn niemand mehr dazu drängt. "Wenn Sie sich selbstständig machen, dürfen Sie das nicht halbherzig angehen", sagt er. Das ist eines seiner Axiome.

Deswegen machte er auch keine Pause, um auf dem Jakobsweg zu wandern oder seinen Garten in Schuss zu bringen. Zwei Monate nach seinem Ausscheiden meldete er sich zum Phönix-Seminar an, einem zehntägigen Trainingskurs der Arbeitsagentur. Wer daran teilnehmen will, muss sich ein paar Regeln unterwerfen: Jeans statt Anzug. Du statt Sie. "Und keine Allüren" – das wird der Seminarleiter Michael Kroheck später am Telefon so erklären. "Die meisten Ex-Manager sind überzeugt, dass es für ihre Dienstleistung eine Nachfrage gibt", sagt er. "Unser didaktisches Konzept beruht darauf, diese Überzeugung infrage zu stellen. Denn Manager sind Generalisten. Als Berater aber müssen Sie ein Spezialist sein." Gerade Mittelständler suchten Experten, die ihnen bei konkreten Fragestellungen helfen, sei es bei der Einstellung eines Teamleiters oder dem Vertrieb eines neuen Produkts.

Auch Harald Zenke musste das erst lernen. "Der Harald war nicht nur überzeugt von sich – er war sogar extrem überzeugt", sagt Kroheck. "Der musste erst mal durch eine Trotzphase durch, bevor er sich für unseren Ansatz geöffnet hat und bereit war, an seiner Positionierung zu arbeiten."

Mittlerweile hat Zenke seine Nische gefunden. Als Banker war er spezialisiert auf sogenannte strukturierte Finanzierungen – Kredite, die exakt auf die Bedürfnisse bestimmter Investoren zugeschnitten sind. Vor allem bei Versicherungsunternehmen, von denen viele momentan ins Bankgeschäft vorstoßen, ist eine solche Expertise begehrt.

Zenke geht hinaus ins Frankfurter Finanzviertel, sein altes und neues Biotop. Es ist Feierabendzeit, auf den Bürgersteigen drängeln sich die Anzugträger. Zenkes Route führt vorbei an der Dependance eines amerikanischen Finanzinvestors ("da hatte ich heute Morgen einen Termin"), vorbei an einer großen Privatbank ("da war ich vorhin mit dem Vorstand zum Mittagessen"). Sind das alles schon seine Kunden? "Nein, aber es könnten welche werden. Es geht darum, mit den Leuten im Gespräch zu bleiben, es geht darum, zu akquirieren." Am Ende der Bockenheimer Landstraße ragt die gläserne Zentrale der Ipex-Bank hervor. Empfindet er Gram? – "Nein, überhaupt nicht. Ich hatte dort eine großartige Zeit."

Das Aus für ihn kam unfreiwillig. Die Trennung wurde mit "unterschiedlichen strategischen Auffassungen" begründet. Normalerweise ist das eine Floskel, die die wahren Ursachen verschleiern soll. In diesem Fall aber, das sagen auch andere Beteiligte, entsprach sie der Wahrheit. "Ich bin erst einmal in eine Schockstarre verfallen", erzählt Zenke. Angebote gab es zwar. Aber keine richtig guten.

Ich bin erst einmal in eine Schockstarre verfallen
Harald Zenke

Die Selbstständigkeit hingegen reizte ihn, trotz der Risiken, die sie birgt. "Jeder zweite freie Berater in Deutschland", davon ist er überzeugt, "verdient nicht genug Geld, um seine Kosten zu decken, geschweige denn seinen angestrebten Lebensstandard zu finanzieren." Zenke aber will das schaffen. "Ich will mich nicht beschäftigen. Ich will als Berater vernünftiges Geld verdienen", sagt er. Das ist das zweite Axiom.

Er ist im Koriander angekommen, seinem Stammrestaurant. Die meisten Gäste trinken hier Bier und nicht Wein. Zenke macht eine Rechnung auf: "Wie hoch ist der durchschnittliche Tagessatz eines selbstständigen Beraters? 900 Euro. Wie viele Tage pro Monat stellt ein Berater im Schnitt in Rechnung? Sieben. Macht, wenn man den Urlaub abzieht, 70 Tage im Jahr, also ein Jahreseinkommen von gut 80.000 Euro. Davon gehen das Auto, das Büro und sonstiger Aufwand ab."

Was will er damit sagen? "Die meisten Manager, die sich selbstständig machen, gehen mit völlig falschen Vorstellungen an die Sache ran", meint Zenke. "Sie wollen zu schnell zu viel erreichen und übernehmen sich dabei." Er versucht, diesen Fehler zu vermeiden. Ein weiteres Axiom lautet daher: Realismus. Erst mal kein Büro – er arbeitet daheim oder beim Kunden. Erst mal keine Mitarbeiter – für größere Projekte bildet er Teams mit anderen Dienstleistern. Und immer wieder Klinkenputzen. Zenke hat einen Dreijahresplan erstellt, an dessen Ende er "den Break-even erreicht" haben will. – Wo liegt der? "Im deutlich sechsstelligen Bereich." So viel braucht er, um den gewohnten Lebensstil für sich und seine Familie aufrechtzuerhalten, ohne an seine Ersparnisse ranzumüssen.

So viel Geld wie als Bankvorstand wird Harald Zenke nie wieder verdienen – doch das ist kein Gedanke, der ihn umtreibt. Er arbeitet zwar immer noch zwölf Stunden am Tag, aber sie sind nicht mehr wie früher im 15-Minuten-Rhythmus durchgetaktet. Seit Zenke seine Termine selber plant, spürt er "einen ganz anderen Freiheitsgrad". Nach dem Gespräch wird er sich noch an den Computer setzen und Buchhaltung machen. Und am nächsten Tag um acht heißt es wieder: eine Stunden Eisen. Eine Stunde Ausdauer.