In München tun sie’s längst, in Amsterdam auch, und in London oder Paris baut man genauso darauf wie in Wien oder in St. Petersburg: Wo große internationale Orchester zu Hause sind, muss man nach eigenen Plattenlabels nicht lange suchen. Die Vorteile der Selbstvermarktung liegen auf der Hand: maximale künstlerische Freiheit, maximal kurze Wege, maximaler Profit.

Insofern hinken die Berliner Philharmoniker, die mit der Digital Concert Hall das mediale Näschen doch so weit vorn haben, der Konkurrenz ein bisschen hinterher. Ein eigenes Label, die Berliner Philharmoniker Recordings, besitzen sie erst seit wenigen Wochen. Und was tut man, wenn man hinterherhinkt? Man überkompensiert – und verpackt den Erstling, als handele es sich um eine bibliophile Rarität: leinener Einband mit Vasenmotiven der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin, ein Magnetfach für die CDs, als Surplus ein Gutschein für die Concert Hall und eine Blue-Ray, das Ganze im properen Überformat.


Über der Noblesse des Produkts vergisst sich fast, womit man es hier zu tun hat: Simon Rattle dirigiert die vier Symphonien von Robert Schumann. Schumann, der Romantiker. Schumann, der unterschätzte Symphoniker. Schumann, der Poet. Rattles Fall war er nie, so wie das gesamte symphonische Kernrepertoire von Beethoven bis Bruckner sein Fall bis heute nicht ist. Löckt der 2018 als Philharmoniker-Chef scheidende Brite hier gezielt wider den Stachel? Will er’s allen beweisen?

Konzeptionell ist Rattles Ansatz interessant. Denn er liest Schumanns Partituren nicht als schwerfüßigen Mendelssohn oder mittelmäßig instrumentierten Brahms, sondern erkennt darin das experimentelle, ja anarchistische Potenzial. Schumanns Faible für die Mittelstimmen, sagt Rattle, ist nichts anderes als ein Sprengenwollen der Form von innen heraus. Und genauso klingt es auch – leider. Der Rhein (bei Düsseldorf!) in der Es-Dur Symphonie schießt wie ein schlecht gelaunter Gebirgsbach voller Treibgut dahin, und aus dem Frühling in der Frühlingssymphonie scheint zugunsten eines geradezu unerbittlichen musikalischen Strammstehens jeder Liebreiz gewichen. Schade, dass Simon Rattle um jeden Preis Recht behalten will mit seinem Konzept und darüber – bei diesem Orchester! – alles Spielenlassen und Atmen vergisst. 

Simon Rattle, Berliner Philharmoniker: The Schumann Symphonies (Berliner Philharmoniker Recordings)