Was ist bloß mit dem Spiegel los? Das Hamburger Magazin wurde nicht zu Unrecht jahrzehntelang als "Sturmgeschütz der Demokratie" gefürchtet und gefeiert. In dieser Woche jedoch hat Christiane Hoffmann den Kampf um die Demokratie erst mal abgeblasen: "Die Weltpolitik wird in Zukunft weniger vom Gegensatz zwischen demokratischen und autokratischen Staaten bestimmt sein als vom Gegensatz zwischen funktionierenden und versagenden Staaten."

Man fragt sich natürlich sofort, wie so etwas die Hunderttausenden von Menschen lesen sollen, die derzeit in Hongkong Leib und Leben riskieren, um ihre ohnehin schon eingeschränkten demokratischen Rechte zu verteidigen. Sollen sie lieber aufgeben und nach Hause gehen im Interesse der Stabilität? Für diese entmutigende Botschaft allerdings brauchten die Menschen in China keine westlichen Medien, das können sie schon in der autoritären chinesischen Staatspresse nachlesen.

Und was bedeutet diese Aussage für die Angehörigen derer, die auf dem Maidan ums Leben gekommen sind? Für die jungen Veteranen vom Gezi-Park? Für die Gewerkschafter aus Tunis?

Natürlich kleidet Christiane Hoffmann ihre Argumentation in das Gewand der sogenannten Realpolitik. "Das Argument der Stabilität ist nicht sympathisch. Es klingt nach schnöder Realpolitik." Das Argument der Stabilität dürfte vielen, die derzeit der demokratische Mut verlassen hat, die Putin gern machen lassen würden und mit den Aufständen andernorts lieber nichts zu tun hätten, durchaus sehr angenehm sein. Aber um Sympathiewerte kann es hier nicht gehen. Das Argument der "Realpolitik" ist weder schnöde noch unsympathisch: Es ist falsch.

Zum einen wird die Weltgeschichte zurzeit extrem vom Kampf zwischen Demokratie und Autokratie bestimmt. Das ist so in der Ukraine, in der Türkei und in Hongkong. Dieser Kampf dominiert jedoch auch – und das macht diese These so gefahrenblind – schon längst die Politik in Ungarn, Bulgarien und Rumänien. Und wenn es schlecht läuft, demnächst auch in Frankreich, wenn dort die gespaltene demokratische Republik gegen die Putin-Freundin Marine Le Pen antritt. Wer also sagt, dieser Kampf sei künftig ein Nebenwiderspruch, der sagt gar nichts über die Realität, er sagt nur, dass er selbst diesen Kampf nicht mehr mit aller Kraft führen will.

Zum Zweiten bedeutet "Realpolitik" hier eben keineswegs, dass die ganze Realität mit einbezogen, während sie von den Idealisten ausgeblendet wird. Im Gegenteil. Hoffmann stellt sich nicht der offensichtlichsten aller Realitäten: Diktaturen haben heutzutage einen eminenten Fallout an Anarchie. Putin beispielsweise erzeugt ganz systematisch Zonen der Instabilität. Er schafft Anarchie in Südossetien, um Georgien zu schwächen, in Transnistrien, um Moldawien zu ruinieren, und in der Ostukraine, um die Rest-Ukraine ins Chaos zu treiben.

Ähnlich verhält es sich im Mittleren Osten. Saudi-Arabien ist eine stabile Diktatur, allerdings wurden sowohl Al-Kaida wie auch jetzt der IS von dort aus mitfinanziert – und zwar nicht zufällig, aus Versehen, sondern mit eiserner Notwendigkeit. Saudi-Arabiens Herrschaftsideologie ist der fundamentalistische, genussfeindliche Wahhabismus, an den sich die Herrschenden nur leider selber nicht halten. Die internationale Proliferation von Fundamentalismus und Terrorismus dient also als Ablasshandel eines zutiefst bigotten Systems. Saudi-Arabien und die meisten anderen Staaten der Region können nicht stabil sein, ohne Destabilität in andere Länder und in die nahe Zukunft zu exportieren. So viel zum angeblichen Hoffmannschen Realismus.

Die Hauptfrage an ihren Essay ist jedoch eine andere: Wenn der Westen nicht mehr für die Demokratie ficht (ohne freiheitsimperiale Kriege natürlich, dieses Kapitel ist geschlossen), gibt es ihn dann noch? Wenn uns die Demokratie nicht mehr das Wichtigste ist, wem dann? Und wenn westliche Medien wie der Spiegel oder die ZEIT die Demokratie zum Nebenwiderspruch erklären, wozu sind sie dann noch da? Dann sollten wir lieber Schrauben verkaufen. Manchem scheint nun mit der eigenen Existenzgewissheit auch die Existenzberechtigung abhandenzukommen. Das haben die Menschen in Kiew, in Tunis und in Hongkong nicht verdient.