Eigentlich wäre es an der Zeit für eine Party. Seit vor vier Jahren Haupt-, Real- und Gesamtschulen zu Stadtteilschulen wurden, ist die Zahl der Schüler, die ohne Abschluss die Schule verlassen, um mehr als ein Drittel gesunken. Und der Anteil der Abiturienten um fast ein Drittel gestiegen.

Doch an den Stadtteilschulen ist kaum jemandem zum Feiern zumute. Der Ruf der neuen Schulform ist miserabel. Und weil viele Bildungsbürger Angst vor der angeblichen pädagogischen Schmuddelecke haben, sind die Stadtteilschulen in einem Teufelskreis: Bildungsnahe Eltern melden ihre Kinder nicht mehr an. Zurück bleiben tatsächlich die schwächsten Schüler.

Zeit also für die Frage, wie schlimm es um die Stadtteilschulen und ihre Klassen wirklich steht. Sind die Eltern zurecht skeptisch?

Wer Stadtteilschulen besucht und in Problem- wie Vorzeigeschulen am Unterricht teilnimmt, ist überrascht, wie anders Schule heute im Vergleich zu früher ist – und wie gut das alles zu klappen scheint (siehe rechte Seite). Ist die Skepsis vieler Eltern gegenüber der neuen Schulform vielleicht nur Angst vor einer Welt, die sie nicht kennen?

Die Stadtteilschulen leben von der Idee der Integration. In einer Stadt wie Hamburg, in der jeder zweite Jugendliche einen Migrationshintergrund hat und Arm und Reich immer weiter auseinanderdriften, sollen die Stadtteilschulen auch in Zukunft für den sozialen Kitt sorgen. Schwächere Schüler würden, so die Idee, nicht mehr in Restschulen abgeschoben, wo man sie zu Außenseitern erzieht. Doch inzwischen beäugen selbst viele linke Eltern die Stadtteilschulen kritisch. Ist man bereit, das eigene Kind auf eine zweitklassige Schule zu schicken?

Es gibt eine Reihe von angeblichen Belegen für die Schwäche der Stadtteilschulen. Laut der Vergleichsstudie KESS 13 etwa hinken die Abiturienten an Stadtteilschulen denen am Gymnasium deutlich hinterher. Und in den Vergleichsarbeiten zum Abitur 2014 waren die Stadtteilschüler in Mathematik nicht nur schlechter als die Gymnasiasten, sondern wurden vor den Prüfungen bei gleicher Leistung auch noch besser benotet. Ihre im Durchschnitt schlechteren Abiturnoten müssten also noch schlechter sein.

Das klingt alarmierend. Nur ist der Schluss falsch, daraus Prognosen für einzelne Kinder abzuleiten. Es geht hier um Durchschnittswerte. Die Zahlen sind weniger überraschend, wenn man sich klarmacht, dass auf den Stadtteilschulen im zweigliedrigen Schulsystem die schwächeren Schüler landen. Viele Stadtteilschüler haben schon nach der Grundschule erhebliche Lernrückstände, und zu Hause erfahren sie oft deutlich weniger Unterstützung.

Man kann die Leistung der Stadtteilschulen daher auch ganz anders beurteilen: Nur jeder fünfzehnte Stadtteilschüler in der fünften Klasse hat eine Gymnasialempfehlung. Viele machen aber dennoch später Abitur. Jeder vierte Abiturient hat 2014 seinen Abschluss an einer Stadtteilschule gemacht. Man könnte sagen: eine erstaunliche pädagogische Leistung.

Allerdings hat die negative wie die positive Interpretation einen gewaltigen Haken: Da es die Stadtteilschulen erst seit vier Jahren gibt, beruhen die angeblichen Erfolge wie Misserfolge wesentlich auf der Arbeit der Vorgängerschulen. Bisher lässt sich die Arbeit der Stadtteilschulen nicht sicher beurteilen.

Dass die Diskussion dennoch immer wieder aufkeimt, zeigt, wie sehr sich viele bürgerliche Eltern vor einer Inflation des Abiturs fürchten. Und wie aktuell die alten pädagogischen Konflikte immer noch sind. Die Stadtteilschulen sollten Konservative wie Linke schulpolitisch versöhnen. Die einen bekamen ihre "Schule für alle" in der Light-Variante. Die anderen durften ihr Gymnasium behalten.

Nur die grundlegende Kontroverse löste die neue Schulform nicht. Konservative glauben weiterhin, dass es besser ist, Schüler nach Leistungsfähigkeit in getrennten Gruppen zu unterrichten. Die CDU und der Schulkritiker Walter Scheuerl fordern das auch an Stadtteilschulen. Linke hingegen meinen, dass es besser wäre, alle Schüler gemeinsam zu unterrichten – am besten auch Gymnasiasten.

Das Ärgerliche an diesen Grabenkämpfen ist: Sie ignorieren, dass sich die meisten Schulen längst viel weiter entwickelt haben. In einigen der erfolgreichsten Stadtteilschulen werden Kinder verschiedenster Leistungsniveaus in gemeinsamen Klassen unterrichtet. An anderen, ebenfalls sehr guten Schulen werden die Kinder irgendwann in der Mittelstufe getrennt. In wieder anderen wird stärker auf Projektarbeit oder Werkstätten gesetzt, in denen unterschiedlich starke Schüler nach ihren Neigungen lernen. Was funktioniert, da sind sich Wissenschaftler, Schulleiter und Lehrer einig, hängt davon ab, welche Schüler und welche Lehrer eine Schule hat.

Denn die Stadtteilschulen und damit ihre Lehrer beziehen sich auf unterschiedliche pädagogische Traditionen. Viele alte Gesamtschulen haben schon immer alle Schüler gemeinsam unterrichtet. Die ehemaligen Haupt- und Realschulen waren dagegen immer Teil eines dreigliedrigen Schulsystems. Wer sich die Hamburger Stadtteilschulen anschaut, wird feststellen: Es gibt viele sehr gute Schulen, manche sind im direkten Vergleich besser als das benachbarte Gymnasium. Und zugleich haben wir Schulen mit miserablem Bildungsniveau.

Das hängt unter anderem davon ab, in welchem Stadtteil die Schulen liegen. Schulforscher Ulrich Vieluf hat die KESS 13- Daten nach Stadtteilen ausgewertet. Ergebnis: Die Schüler in den schwächeren Stadtteilen hinken denen in besseren Stadtteilen ein bis zwei Jahre hinterher – unabhängig davon, ob sie am Gymnasium oder an der Stadtteilschule unterrichtet werden. Die Schüler können, sagt Vieluf, auf einem Gymnasium in einem Problemviertel so viel wie an einer Stadtteilschule in einem besseren Viertel.

Mehr noch: Die Schüler mit schlechten Voraussetzungen erreichen in einem gut situierten Stadtteil fast die Leistungen der Schüler mit besten Voraussetzungen in einem benachteiligten Stadtteil. Das heißt: Das Schlimmste, was entstehen kann, sind Ghettos, in denen nur noch schwache Schüler lernen.

Die Einrichtung genau solcher Ghettos fürchten viele Lehrer und Schulleiter an Stadtteilschulen. Während im Rahmen der Inklusion behinderte, verhaltensauffällige oder lernverzögerte Kinder aufgenommen werden müssen, fehlen zunehmend die begabten Schüler, die als Vorbilder, aber auch als Hilfslehrer gebraucht werden, um Inklusion hinzubekommen. Die Lehrer sprechen daher inzwischen in den Grundschulen gezielt Gruppen von bildungsnahen Eltern an, damit die ihre Kinder gemeinsam auf eine Stadtteilschule schicken.

Doch die Skepsis bleibt. Leiden unter der Inklusion nicht die starken Schüler?

Eine empirische Antwort, ob Kinder an Stadtteilschulen weniger lernen, gibt es bisher nicht. Aber wer diese Schulen besucht, kann sagen: Kinder lernen dort ein anderes Hamburg kennen als das der Bildungsbürger. So eine Erfahrung kann mehr wert sein als ein paar Stunden Physik-Unterricht.