Dschihadisten mögen sich nach den Zuständen des 7. Jahrhunderts zurücksehnen, aber mit dem Internet hatten sie nie ein Problem. Im Gegenteil, sie betrachten es als Gottesgeschenk. Das demokratischste aller Massenmedien ist zugleich das effektivste Werkzeug für die Propagandisten des Terrors. Kann man den Dschihadisten dieses Werkzeug entwinden? Die kurze Antwort lautet: Nein.

Ein Beispiel illustriert das. Im Juni hatte der IS für jede "Provinz" seines "Kalifats" einen eigenen Twitter-Account eingerichtet, über den Kommuniqués und Gräuelvideos verschickt wurden. Als Twitter diese Accounts im August sperrte, wich der IS auf das russische Facebook-Pendant VK aus. Seitdem Mitte September auch VK diese Accounts suspendierte, hat der IS zwar keine vergleichbare Struktur errichten können. Trotzdem findet das Material seinen Weg. "Absolut denkbar", sagt der US-Terrorexperte Aaron Zelin, "dass Dschihadisten in Zukunft eigene Plattformen entwickeln".

Kann man die Verbreitung der Propaganda wenigstens einschränken? Am 8. Oktober soll das in Luxemburg erörtert werden. Die scheidende EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström hat neben den Innenministern auch Vertreter großer Internetfirmen eingeladen. Zwar haben insbesondere Twitter und YouTube nach Jahren weitgehender Untätigkeit begonnen, gegen IS-Propaganda vorzugehen. Doch selbst wenn alle Global Player ihre Anstrengungen steigerten: Die Flut zum Versiegen zu bringen ist unmöglich. Tausende ehrenamtliche Cyber-Dschihadisten weltweit helfen dem IS, indem sie Gräuelvideos etwa auf Hosting-Plattformen in den Schmuddelecken des Internets hochladen. "Die Gegenseite müsste ebenso intensiv zusammenarbeiten, um diesen Grad der Verbreitung effektiv einzudämmen", sagt Nico Prucha von der Universität Wien, der zu Terrorismus in Sozialen Netzwerken forscht. Aber das tut sie nicht.

So bleibt eine letzte Möglichkeit: die Propaganda inhaltlich angreifen. Die Idee, sogenannte counter-narratives im Internet zu platzieren, wird seit Jahren diskutiert. Das US-Außenministerium hat eine kleine Truppe installiert, die auf Twitter unter dem Motto "Think again, turn away" Dschihadisten zu verunsichern versucht – mit wenig Erfolg. Auch Malmström schwebt "die Entwicklung spezifischer Gegenerzählungsinitiativen" vor. Aber wie viel Glaubwürdigkeit genießt die EU unter Dschihadisten?

Das Internet ist längst ein Schlachtfeld im Kampf gegen den IS. Und der Kampf in der virtuellen Wirklichkeit ist nicht leichter als in der analogen.