Thomas Melles neuer Roman ist ein brutales Buch. Eines, das von der Ungeborgenheit des modernen Individuums erzählt, von Erniedrigungen, die unsere hochgerüstete Konsumgesellschaft ihren Mitgliedern zufügt. Die sie zuweilen auf die Straße spuckt und dort liegen lässt. Wie Anton.

Anton ist ein Obdachloser und Flaschensammler, ein einst hochbegabter Student, der plötzlich zur Ausschussware wurde, wie es genau dazu kam, daran kann er sich nicht mehr erinnern. Man erfährt, dass es mit Führerscheinentzug begann, dass nächtliche Ausschweifungen und überzogene Kreditkarten ihn schließlich in ein Übergangsheim brachten mit Tisch, Bett, Schrank, Betreuerin – und ebenjener Zahl, die über Anton schwebt und diesem unverheulten Buch seinen Namen gibt: 3.000 Euro.

Das ist die Summe, die die Bank von ihm fordert, weswegen Anton vor Gericht muss, die Summe, die ihn vom Rest der Welt trennt, weil er sich in ihr fühlt wie "ein Minus in der Landschaft". Anton steht auf der Sollseite des Lebens. Auf der steht auch Denise. Eine Kassiererin von ordinärer Schönheit, alleinerziehende Mutter, ihr kleiner Lebenstraum ist eine New-York-Reise, für die sie sich was nebenbei verdient: Sie dreht Amateurpornos. Ihren Lohn hat sie noch nicht, es sind auch 3.000 Euro.

Thomas Melle, Jahrgang 1975, lässt die beiden Leben sich an der Supermarktkasse kreuzen, der zerlumpte Streuner trifft auf die nervöse Kassiererin. Es wird schnell klar, dass das keine Version von Romeo und Julia sein kann. Melle verweigert die Romanze. Hier gibt es kein Miteinander, nur das Nebeneinander von Antons stetiger Entwirklichung und Denise’ hilflos versuchter Verwirklichung.

Anton ist einer Gemeinschaft ausgeliefert, die nichts mehr von ihm wissen will. Bei seinen alten Freunden ist er in Ungnade gefallen, wobei man über die Gründe kaum etwas erfährt. Antons jüngste Vergangenheit ist die dunkle Leerstelle. Sein ehemals bürgerlicher Schutzmantel ist zerrissen, und jeder Versuch, ihn wieder zusammenzusetzen, muss scheitern. Nur Denise scheint einen Rest Empathie für ihn übrig zu haben – obwohl ihr Leben selbst aus den Fugen ist: wechselnde Liebhaber und die ständige Panik, als Pornodarstellerin erkannt zu werden. Die Welt draußen, daran lässt Melle keinen Zweifel, ist feindselig.

Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich Literatur bewegt, wenn sie von solchen Abstürzen erzählen will, wenn sie den sogenannten Blick in den Abgrund wagt – eine Floskel, die nahelegt, dass von oben nach unten geguckt wird, aus einer erzählerischen Behaglichkeit, die sich kurz im Milieu schmutzig macht und Rinnsteingestalten entweder als übergroße Antihelden oder als Opfer inszeniert.

Melle dreht die Perspektive um. Er schaut von unten nach oben, aus der Position, die die Welt seinen Figuren zugewiesen hat. Es kann ihm nicht hoch genug angerechnet werden, dass er hier weder im Namen eines mitfühlenden Sozialrealismus schreibt noch in einem Ton, der die Kaputtheit der Figuren zelebriert und darauf mächtig stolz ist.

Auf den gelegentlich überanstrengten Stil seines vorigen Romans Sickster verzichtet er fast gänzlich. Wir sollen alles spüren: den Dreck, das billige Parfüm, die Planken der Parkbank, die sich ins Kreuz drücken. Es ist eine kunstvoll kunstlose Prosa, in der sich im Kleinen zeigt, was Melle für ein sensibler Beobachter unserer alltäglichen Zeichenwelt ist: "Supermärkte sind meist rot oder gelb. Rot steht hierbei für höherwertig, gelb für billig." Gelegentlich glüht hinter dem ausgenüchterten Stil Zorn: "Und jetzt sickert dieses nichtige Etwas von ›Sehr gerne‹ längst schon in die Alltagssprache hinein (...). Fixierung vielleicht? Gerne. Streichung der Beiträge? Oh, gerne. Vergewaltigung gefällig? Sehr gerne."

Man kann Anton und Denise als zeittypische Phänomene entziffern, als Menschen, die durch die Druckverhältnisse der Wirklichkeit in einem Zwischenreich gefangen sind, aus der es besonders für Anton kein Entkommen mehr gibt. Seine Irrläufe, sein allmählicher Verfall erinnern bisweilen an die Zurichtungen des Erzählers aus Knut Hamsuns Hunger und dessen Wahnwelt. "Das All da oben, es hat hier nichts verloren", heißt es kurz vor Ende, als Anton frierend seinem Gerichtstermin entgegendämmert. In diesem Satz steckt viel Wut über die Kälte unserer Gegenwart, die den Minusgraden des Weltraums in nichts nachsteht.