Seit wann ist die Familie eigentlich ein Problem? Lange Zeit war die Furcht vor ihrer Zerrüttung, ja vor ihrem Verschwinden nur ein Thema für die gehobene Literatur, ein Gedankenspiel für die Fans von Thomas Mann und Heimito von Doderer, von John Updike und Ian McEwan. In der wirklichen Welt war die Familie eine Lebenstatsache und als solche unumstößlich. Sie machte glücklich oder unglücklich, sie konnte den Einzelnen zur Verzweiflung treiben, aber das stellte ihre Existenz nicht infrage. Dass sie eines Tages nicht mehr existieren könnte, war als politische Sorge ungefähr so populär wie das Verlöschen der Sonne.

Doch irgendwann schlich sich die Schreckensvision vom Ende der Familie auch in die Politik ein. Die Debatte begann mit der Angst vor der berufstätigen Mutter, setzte sich fort im Neid auf die angeblich hedonistischen Kinderlosen und führte alsbald zu der Schockfrage "Kinder oder Karriere?" (als sei Kinderhaben eine Tretmühle und weibliche Erwerbsarbeit per se Karriere). Dann kam die Frauenquote und mit ihr die Wut der neuerdings benachteiligten Männer.

Ist es ein Wunder, wenn nun auch der Vatikan in Rom über "Familienfragen" debattiert?

Papst Franziskus persönlich hat das Thema auf die Agenda gesetzt. Im vorigen Herbst schon verschickte die katholische Kirche in seinem Auftrag einen Fragebogen an die Bischöfe der Welt, um die Ansichten des Kirchenvolks über Ehe und Familie zu erforschen. Es ging natürlich um Sexualmoral. Der alte Aufreger! Neu war, dass der Vatikan nicht von vornherein gegen den modernen Sittenverfall predigte und auch nicht versprach, die christliche Ethik könne die sexuelle Verwirrung des freiheitlichen Westens heilen. Jetzt wollte er wissen, was im eigenen Verein Sache ist. Die Fragen waren erschreckend ehrlich: Kennen die Katholiken überhaupt die geltende Lehre, und wollen sie sich daran halten?

Der Vatikan, anstatt eine Ordnung zu behaupten, fragte nach der herrschenden Unordnung. Vom kommenden Sonntag an wird sie in Rom nun diskutiert. Befund: Die Familie ist in der Krise. Nicht nur in der freiheitlichen Gesellschaft, sondern auch in der katholischen Kirche. Weil die Kirche nun mal Teil der Gesellschaft ist. Und das, Pardon, ist auch gut so. Wenn die Kirche das andere zur Gegenwart sein will, so wie es konservative Kleriker, zermürbt vom innerkatholischen Streit der letzten Jahre, empfahlen, dann erst schafft sie sich selbst ab – als weltweite Glaubensgemeinschaft wie als moralische Instanz. Und auch als gesellschaftspolitische Kraft.

Die Synode setzt nun ein Zeichen gegen innerbetriebliche Heuchelei. Was heißt Heuchelei? So tun, als ob. Moralische Ansprüche verteidigen, an deren Erfüllung man selbst nicht glaubt. Die katholische Kirche hat zuletzt eine Familienpastoral hochgehalten, die in Widerspruch nicht nur zum Verhalten der Einzelnen stand, sondern auch zum eigenen seelsorgerlichen Auftrag. Dass Geschiedene vom Abendmahl ausgeschlossen wurden, war nur das Paradebeispiel für einen betonharten Moralismus, den die Pfarrer vor Ort längst ablehnten. Natürlich verweigerten sie Geschiedenen, die einen neuen Lebenspartner fanden, nicht ihren Segen. Sie segneten sogar gleichgeschlechtliche Paare. Nur in Rom wollten einige Kardinäle so tun, als sei das nicht wahr.

Franziskus macht nun die Kirche ehrlich. Das ist seine Mission und sein machtpolitisches Konzept. Die Kirche soll ihre Konflikte nicht länger unter den Teppich kehren, als würde das irgendwem nützen, sondern soll Glaubwürdigkeit zurückgewinnen durch das Offenlegen ihrer Konflikte. Zwei der wichtigsten könnte die Synode überwinden helfen: erstens den Widerspruch zwischen Kirchenvolk und Kirchenführung, zweitens den Widerspruch zwischen Glaubenslehre und Glaubenspraxis. Muss man deshalb die Glaubenslehre ändern? Das wäre ungefähr so sinnvoll wie die Abschaffung einer Tugend, nur weil sie so schwer einzuhalten ist.

Zu solchem Unsinn gibt es außerhalb der Kirchen gelegentlich die Neigung. Deshalb könnte die Synode uns auch etwas lehren für die profaneren Familiendebatten: nämlich die Unterscheidung zwischen moralischen Ansprüchen, denen wir manchmal nicht genügen können, und anderen Ansprüchen, denen wir nicht mehr genügen wollen.

An ungeliebten Idealen festzuhalten, das ist Heuchelei. Sie führt geradewegs in jene Zerrüttung, die der Schriftsteller Heimito von Doderer mit dem legendären Satz beschrieb: "Wer sich in die Familie begibt, kommt darin um." Bei Doderer war die Familie gleichbedeutend mit einer Konvention, die nicht mehr passte, die das Individuum einengte und dem Freiheitsbedürfnis unserer Zeit widersprach.

Wer sich in die Familie begibt, kommt darin um. Das hieß: Wer nicht umkommen will, muss sich befreien. Wer sich aber einrichtet in vormundschaftlicher Moral, der bleibt gefangen in einer Lebensform, die er nicht will.

Was also macht Familie aus, diesseits und jenseits der Kirche? Natürlich die Liebe. Aber Liebe, verstanden nicht als romantische Fantasterei, auch nicht als christliche Floskel. Sondern als Ideal, das uns treibt. Als Sehnsucht, die uns leitet. Als Paradies, das auch Atheisten erträumen.

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