Bevor Tim Hunt und Rupert Sheldrake berühmt wurden, teilten sie sich am College ein Zimmer. Tagsüber hörten sie laut klassische Musik, während sie im Labor das Wachstum von Pflanzenzellen untersuchten. Abends zogen sie durch die Kneipen von Cambridge.

Nach der Promotion trennten sich ihre Wege. Hunt ging nach Amerika, Sheldrake nach Indien. Hunt machte weiter wie zuvor und bekam 2001 für die Erforschung des Zellzyklus den Medizinnobelpreis. Sheldrake machte Experimente zur Gedankenübertragung und schrieb Bücher über das Bewusstsein des Universums. Aus Sicht aufgeklärter Zeitgenossen sind die Rollen klar verteilt: Hunt betreibt Wissenschaft, Sheldrake Pseudowissenschaft. Der eine ist genial, der andere verrückt. Aber ist es wirklich so einfach?

Wenn in der kommenden Woche die Nobelpreisträger bekannt gegeben werden, erklingt wieder das Hohelied auf die Forschung. Die Nobelpreiswoche ist für die Wissensgesellschaft ein Ritual der Selbstbestätigung. Denn ob Klimapolitik, Sterbehilfe oder Mindestlohn: Viele politische Entscheidungen stützen sich auf Erkenntnisse der Wissenschaft – oder tun zumindest so. Jede umstrittene Behauptung wird mit dem Argument untermauert, es gebe eine Studie dazu.

Da sollte das Fundament, auf dem die Wissenschaftsgläubigkeit ruht, recht stabil sein, meint man. Ist es aber nicht. Denn gerade die Oberexperten – die Wissenschaftsphilosophen – tun sich heute schwer damit, wahre und falsche Wissenschaft auseinanderzuhalten. Der Züricher Philosoph Michael Hagner nennt Pseudowissenschaft einen Kampfbegriff, "der auf die politische Bühne gehievt wird, wenn es opportun erscheint". Er sage mehr über diejenigen aus, die ihn benutzten, als über diejenigen, auf die er angewendet werde. Hat Hagner recht, steht einiges auf dem Spiel. Gibt es wirklich keinen Unterschied zwischen Handauflegen und Krebsmedizin oder Ufologie und Astrophysik – Tim Hunt und Rupert Sheldrake?

Sheldrake postuliert die Existenz eines "morphogenetischen Feldes", das Menschen und auch Tiere und Pflanzen über Generationen und quer über den Globus hinweg verbindet. Ist das Pseudowissenschaft, weil es keine Belege dafür gibt? Falls ja, warum gilt nicht auch die Stringtheorie als Hokuspokus, der zufolge Elementarteilchen aus winzigen, schwingenden Saiten bestehen und das Universum zehn Dimensionen hat? Schließlich gibt es auch dafür keine empirischen Belege. Ist der Unterschied womöglich der, dass Stringtheoretiker als Professoren an Universitäten lehren, während Sheldrake in seinem Londoner Stadthäuschen sitzt und Bücher schreibt? Vielleicht ist ja Sheldrake etwas Großem auf der Spur und bekommt eines Tages auch den Nobelpreis?

Schon oft hat sich die Grenze zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft verschoben. Johannes Kepler wird heute dafür gefeiert, dass er die Bahnen der Planeten um die Sonne anhand einfacher Formeln erklären konnte. Doch zu seinen Lebzeiten (1571 bis 1630) betrieb er ebenso selbstverständlich Astrologie. Isaac Newton begründete die klassische Physik, beschäftigte sich aber zudem mit Alchemie. Erst später wurden Astrologie und Alchemie von den offiziellen Wissenschaften ausgegrenzt. Anderen Lehren erging es ähnlich. Die Schädel- und Rassenlehre, der Spiritismus, die Aurafotografie: gestern Wissenschaft, heute Spinnertum. Selbst manche Nobelpreisträger vollzogen diesen Wechsel im Laufe ihres Forscherlebens (siehe Kasten nebenan).

Auch die umgekehrte Entwicklung gibt es, den Aufstieg von der Pseudowissenschaft zur Wissenschaft: Jesuitische Naturkundler bezeichneten Galileos Physik im 17. Jahrhundert als pseudo-scientia . Später wurde sie an den Universitäten gelehrt. Dem Philosophen Karl Popper galt vor knapp hundert Jahren die Psychoanalyse als Paradebeispiel einer Pseudowissenschaft. Heute hat sie den Segen von Expertengremien. Sogar die Kosmologie galt jahrzehntelang als pseudowissenschaftlich. Es scheint, als könnten Wissenschaft und Pseudowissenschaft erst im Nachhinein zuverlässig unterschieden werden. Tatsächlich war die Diskussion über das Wesen der Wissenschaft eine der großen Debatten der Philosophie im 20. Jahrhundert, verbunden mit Namen wie Thomas Kuhn, Paul Feyerabend oder eben Karl Popper.

Popper sprach von einer Demarkationslinie zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft, als handle es sich um zwei Fronten in einem Krieg, und in gewisser Weise war es das ja auch – ein kalter Krieg der Weltanschauungen. Popper schlug die Relativitätstheorie der Wissenschaft zu, während er zu den Pseudowissenschaften neben der Psychoanalyse den Marxismus zählte. Letztere, so Popper, "posierten als Wissenschaft, hatten aber mehr mit primitiven Mythen als mit Wissenschaft gemein. Sie waren näher an Astrologie als an Astronomie."