Es kommt nicht häufig vor, dass heterosexuelle Männer Schlange stehen, um von einem anderen Mann mal ganz zärtlich in den Arm genommen zu werden. Bei Zach Braff zahlen die Männer sogar dafür. Sie warten vor dem Berliner Zoo Palast, in dem sein Film Wish I Was Here Premiere hat. Er ist per Crowdfunding finanziert worden – die Fans, die warten, haben Braffs Projekt unterstützt, deswegen dürfen sie das Ergebnis schon früher sehen. Für 600 Dollar ist sogar ein persönliches Treffen eingeschlossen. Als Braff den ersten der Gäste in den Arm nimmt, einen jungen Mann, schmächtig, blass, androgyn, applaudieren die anderen. Die Frage nach der Umarmung, sagt Braff, sei das, was er am häufigsten höre, wenn Männer ihn auf der Straße erkennen.

Wish I Was Here, bei dem Braff Regie geführt, das Drehbuch geschrieben und die Hauptrolle gespielt hat, ist die inoffizielle Fortsetzung seines Films Garden State, der vor zehn Jahren ein Überraschungserfolg war. Braff nahm damals die Ängste und Verwirrungen der Mittzwanziger, unterlegte sie mit Indie-Musik und schuf damit die Blaupause für eine ganze Reihe von Filmen über junge Männer, die sich, weil oder obwohl ihnen alle Möglichkeiten offenstehen, verloren und verwirrt fühlen. Die Sache mit dem Umarmen stammt allerdings aus der Krankenhausserie Scrubs. Dort spielte Braff neun Jahre lang den jungen Arzt J. D., der, das war einer der Running Gags, so gern von seinen männlichen Freunden umarmt werden wollte, was immer wieder an deren Männlichkeitsvorstellungen scheiterte. J. D. war anders, er verstand nichts von Sport und trank nie Bier, seine penetrante Unsicherheit und Suche nach Zuneigung machte ihn zu einer der beliebtesten Sitcom-Figuren der nuller Jahre – eine Figur mitten im Mainstream, mit der sich auch die schmächtigen, jungen Männer vor dem Zoo Palast identifizieren konnten.

"J. D., das bin zum großen Teil ich", sagt Braff. Am Morgen vor der Kinovorführung sitzt er im Hotelzimmer und erzählt von seiner Kindheit, als alle Jungs in Sportteams Freunde fanden, während er mit Sport nichts anfangen konnte. Umarmen wollte sich damals keiner, um bloß nicht als schwul zu gelten. Braff ist stolz darauf, dass seine Rollen solche Männlichkeitsvorstellungen nie bedient haben. "Es ist schon großartig, wie diese Figuren einer Generation nähergebracht haben, dass man als Mann auch sensibel sein, weinen, Gefühle zeigen kann." Braff ist jetzt 39, er trägt einen grau melierten Bart, der sein fliehendes Kinn etwas versteckt, das zusammen mit der leicht vogelhaften Nase und dem verunsicherten Lächeln sein Markenzeichen ist. Er sieht jetzt aber männlicher aus als früher, als sei die feminine Seite aus ihm herausgewachsen.

Natürlich war es nicht eine ganze Generation, die sich damals mit den Problemen aus Garden State identifizieren konnte. Aber genug junge Menschen zwischen 18 und 28 sahen in dem Film ein Lebensgefühl gespiegelt – ein Unwort, das ausnahmsweise gerechtfertigt ist, weil die Garden State-Fans so lebensgefühlig waren. Das Verlorensein in der Multioptionsgesellschaft hielten sie besser aus, wenn sie ihr Verwirrtsein zu schönen Momenten stilisierten, am besten mit einer alten Analogkamera – und dazu New Slang von den Shins hörten. In Deutschland war kurz zuvor das Magazin Neon zum ersten Mal erschienen, das mit dem Slogan "Eigentlich sollten wir erwachsen werden" warb. Diese Zeitphänomene betrafen Jungen und Mädchen gleichermaßen. Aber Zach Braffs Figuren waren vor allem ein Identifikationsangebot an den child man, der im besten Mannesalter war, aber noch verträumt wie ein Kind. Daher ist Wish I Was Here ein interessantes Experiment: Was hat Braff, der Posterboy eines Lebensgefühls, zehn Jahre danach zu erzählen? Was ist aus der Bewegung, die sein Regiedebüt zelebriert hat, geworden?

Wie sein Vorgänger Andrew Largeman aus Garden State ist auch Aidan aus Wish I Was Here ein erfolgloser Schauspieler, und in seinen Träumen verliert er sich immer noch. Um Aidan herum hat sich allerdings vieles verändert. Mit Mitte dreißig ist er Familienvater, und seine zwei Kinder besuchen eine teure Privatschule. Das Geld verdient seine Ehefrau (Kate Hudson), die jeden Tag in einem düsteren Behördenbüro sitzt und Zahlen in Excel-Tabellen eintippt. Die fragile Konstruktion bricht zusammen, als Aidans Vater (Mandy Patinkin) schwer an Krebs erkrankt.

Aidan ist also wieder da, wo Andrew Largeman zehn Jahre zuvor war und J. D. vor dem Ende jeder Scrubs-Folge – auf der Suche nach einer "Epiphanie", wie Aidan sagt: einer Erkenntnis, die man braucht, wenn man irgendwo feststeckt, aber eigentlich schon im nächsten Kapitel sein sollte. So wie Largeman damals in strömendem Regen in einen riesigen Krater gebrüllt hat, steht Aidan diesmal mit seinen Kindern auf großen Felsen in der Wüste, breitet die Arme aus und wartet auf seine Epiphanie, die nicht kommt. Und dann, nach all diesen Parallelen, schlägt der Film doch eine ganz andere Richtung ein. Die finanzielle Notlage lässt Aidan den Rabbiner der jüdischen Privatschule seiner Kinder aufsuchen, wo er sich für seinen Lebenstraum rechtfertigen muss. Die Schulgebühren erlassen könne man ihm nicht, sagt der Rabbiner, das Geld werde gebraucht für Familien, die wirklich bedürftig seien – nicht für jemanden, der sich entschlossen habe, Schauspieler zu werden.

In Braffs neuem Film geht selbst der Elterngeneration das Geld aus

Aber was mit seinem Glück sei, fragt Aidan, wolle Gott denn nicht, dass er danach strebe? Nein, antwortet der Rabbi. Das sei Thomas Jefferson gewesen mit seinem pursuit of happiness. Gott wolle, dass er seine Familie ernähre.

Vor zehn Jahren war noch klar, auf welcher Seite Braff mit Garden State stand: auf der von Jefferson. Wer das auch von Wish I Was Here erwartet, wird überrascht sein über die Kompromissbereitschaft von Zach Braff. Damit Aidan das nächste Kapitel aufschlagen kann, muss er seine Träume gegen ein paar traditionelle männliche Tugenden eintauschen – und gegen einen Job, mit dem er seine Familie ernähren kann. Und die Epiphanie, auf die Aidan wartet, kommt erst, als er in einer körperlichen Auseinandersetzung Mut beweist und seine Frau verteidigen will. Wie ein echter Mann eben.

Man kann das auf zwei Arten lesen. Die eine ist die beruhigende: Auch die verwirrtesten Twens werden irgendwann erwachsen. "Wissen Sie", sagt Braff dazu, "man schlägt mit 21, nach dem College, einen Kurs ein und sagt sich: Genau das will ich im Leben machen. Dabei gibt es vielleicht eine andere Umsetzung des eigenen Traums, die erfüllender ist als das, was man sich mit 21 vorgenommen hat."

Die andere Lesart ist beunruhigender. Er habe auch die ökonomische Krise in den USA reflektieren wollen, erzählt Braff. Tatsächlich sprechen in Wish I Was Here die Details: In den Vorgärten der Häuser sind "For sale"-Schilder zu sehen. Sie solle immer daran denken, muss sich Aidans Frau einmal von ihrem Chef anhören, dass sie etwas habe, was jeder wolle – einen Job. Während Andrew Largemans Elternhaus noch eine Luxusvilla voller Designermöbel war, geht in Wish I Was Here selbst der Elterngeneration das Geld aus. Aidans Vater verbraucht seine Ersparnisse für die Krebstherapie.

In den vergangenen zehn Jahren sind die Zach-Braff-Männer vielleicht erwachsener geworden, aber vor allem hat sich die wirtschaftliche Lage um sie herum verändert. Die bittere Lesart: Der Traum, auch als zärtlicher Mann voller Unsicherheiten seinen Platz zu finden, ist spätestens vorbei, wenn das Geld ausgeht.

"Wenn ich an Filmhochschulen eingeladen bin", sagt Braff, "werde ich oft gefragt: Wie lange darf man seinen Traum verfolgen? Ich sage den Leuten dann immer: Du kannst ihm so lange nachgehen, wie du willst – solange du keine Familie durchfüttern und Verantwortung übernehmen musst für andere. Das ist es, worum es in Wish I Was Here geht." Kurz bevor der Film im Zoo Palast losgeht, kommt einer der blassen, jungen Männer noch einmal zurück für eine zweite Umarmung. Auch die gewährt ihm Zach Braff, allerdings widerwillig. Als wollte er sagen: "Das war aber jetzt die letzte, und dann werd ein Mann!"