Von der Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation sind niemals alle Zähne betroffen. Was ist also schiefgelaufen, tief im Zahnfleisch?

Konstantin von Laffert wusste die Zähne seiner Tochter immer in guten Händen. Es waren seine eigenen. Der Zahnarzt aus Hamburg hielt die Milchzähne seiner Tochter sauber und kariesfrei, sie ließ sich brav die Zähne putzen und kletterte gern auf Papas Behandlungsstuhl. Im Sommer vor der Einschulung brach bei dem Kind der erste bleibende Backenzahn durch – und beim Vater geriet eine Welt ins Wanken. "Ich sah nur gelbbraune Flächen", sagt von Laffert. Der Zahn war porös und kaum überlebensfähig. Plötzlich jammerte die Tochter, wenn sie Kaltes trank oder die Bürste den Backenzahn streifte.

Von Laffert recherchierte und konnte dem Elend immerhin bald einen Namen geben: Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation, MIH abgekürzt. Eine Schmelzstörung der ersten bleibenden Backenzähne (Molaren), manchmal sind auch bleibende Frontzähne (Inzisiven) betroffen. Es handelt sich um die rätselhafteste Erkrankung, mit der Zahnmediziner derzeit zu kämpfen haben. Sie scheint aus dem Nichts aufgetaucht zu sein. Man kann sie nicht heilen, und die Ursachen liegen im Dunkeln. Erst seit etwa zehn Jahren arbeiten Forscher mit einer weltweit gültigen Definition. Allmählich zeichnet sich ab, wie viele Kinder diese Störung zeigen. Eine Studie aus Brasilien beziffert die Quote mit unglaublichen 40 Prozent. Die meisten Erhebungen ergeben, dass zwischen 5 und 15 Prozent der untersuchten Grundschüler von MIH betroffen sind. Pro Schulklasse zwei Kinder.

Das entspricht der Erfahrung von Cornelia Wempe, die seit über 15 Jahren als Zahnärztin im Öffentlichen Dienst in Hamburg arbeitet. Vor über fünf Jahren entdeckte sie bei Grundschülern immer häufiger Zähne mit eigenartigen Verfärbungen – in ansonsten oft tadellosen Gebissen. Wempe begann, die Fälle zu dokumentieren. Vor zwei Jahren steuerte sie Hunderte von Beobachtungen aus ihrem Bezirk zu einer bundesweiten Studie bei. Ergebnis: Im Schnitt der vier untersuchten Städte wiesen 10 Prozent, in Hamburg gar 14 Prozent der untersuchten Grundschüler MIH auf. "Dabei schließt die gültige Definition alle Fälle aus, bei denen nur Schneidezähne betroffen sind", sagt sie. "Das kommt aber durchaus vor."

Bei drei von vier betroffenen Kindern ist der Schmelz nur leicht defekt, schätzt Ulrich Schiffner, Professor für Zahnheilkunde am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. An ihn werden die harten Fälle überwiesen, mit denen Zahnärzte oft überfordert sind. Sie versuchen es zunächst mit herkömmlichen Füllungen. "Aber die halten schlecht, weil der Zahn zu wenig mineralisiert ist." Die Behandlung ist für die Kinder eine Tortur, die Zähne sind überempfindlich, die Betäubung gelingt bei jungen Patienten ohnehin nur schwer. Eltern, die bei Schiffner um einen Termin bitten, sind verzweifelt. "Die Mütter weinen manchmal. Seit dem ersten Milchzahn haben sie alles richtig gemacht. Und doch machen sie sich Vorwürfe."

Zu Unrecht. Anders als Karies lässt sich MIH nicht mit Zahnbürste und Zahnseide bekämpfen. Auch der Verzicht auf Süßes und Saures hat keinen Einfluss. Der Zahn dringt schon geschädigt heraus. Eine Fehlgeburt des Kiefers. "Was dem Zahn einmal an Schmelz fehlt, bildet er später nicht nach", sagt Schiffner. Was ist also schiefgelaufen, tief im Zahnfleisch? Wann genau? Warum?

Weltweit gehen Zahnmediziner diesen Fragen nach. Es sind niemals alle Zähne betroffen. Deshalb liegt es nahe, dass ein schädigender Einfluss nur zeitweise besteht, irgendwann zwischen den letzten Wochen der Schwangerschaft und dem vollendeten dritten Lebensjahr. In dieser Zeit mineralisieren die Zähne, deren Knospen schon früh im Kiefer des Embryos angelegt sind. Geht alles gut, bildet sich aus den Hauptbestandteilen Calcium und Phosphat der Zahnschmelz. Jene Substanz, die härter ist als alles andere, was der menschliche Körper zustande bringt. So kamen Wissenschaftler auf die Idee, die Mütter nach besonderen Ereignissen in der Schwangerschaft und den ersten Lebensjahren ihrer Kinder zu fragen. Sie fanden zahlreiche Indizien wie Frühgeburten, häufige Atemwegserkrankungen, Asthma, Dioxine in der Muttermilch oder die Einnahme von Antibiotika. Tierversuche wiesen auf einen Zusammenhang zu Bisphenol A hin, einem gesundheitsschädlichen Weichmacher, der seit 2011 EU-weit nicht mehr in Babytrinkflaschen enthalten sein darf. Doch keiner der vielen Verdächtigen wurde bislang wissenschaftlich dingfest gemacht. Es handelt sich nur um eher lockere Korrelationen, der eindeutige Beweis von Ursache und Wirkung fehlt. Viele der verdächtigen Phänomene wie etwa Atemwegserkrankungen oder eine schwere Geburt hat es beispielsweise schon immer gegeben. Warum, fragen sich die Forscher, ist dann MIH nicht schon früher aufgefallen?

Möglicherweise hat jahrzehntelang die Volkskrankheit Karies die Fälle von MIH überdeckt, mutmaßt die Freiburger Zahnmedizinerin Stefanie Feierabend. Seit einiger Zeit gehen die Kariesfälle stark zurück, diese Entwicklung begann in Skandinavien. Dort wurde auch MIH erstmals beschrieben. "In Dänemark haben die Kinderzahnärzte schon mehr mit MIH zu tun als mit Karies", berichtet Feierabend. Sie führt einen weiteren Beleg ihrer These an: In London fanden Forscher 300 Jahre alte menschliche Gebisse, die anscheinend von MIH betroffen waren. Die Menschen hatten vermutlich weniger Karies, dafür aber bröckelnde Zähne.