Deutschland hat den größten Handelsüberschuss auf Erden, größer als der Chinas, dazu die höchste Exportquote unter den Industrieländern: 40 Prozent vom BIP. Zusammen sind USA und Kanada Deutschlands bester Kunde. Dies zur Einstimmung auf TTIP und Ceta, die transatlantischen Handelsabkommen mit Washington und Ottawa, die Abschottungs-Nationalisten als Verschwörung gegen das Modell Europa verteufeln.

Im "Verflechtungs-Index" des McKinsey-Instituts hält Deutschland neuerdings den ersten Platz. Kein Land hätte also ein brennenderes Interesse am Freihandel als unseres. Hier aber grassiert die Angst vor den giftigen "Chlorhühnern". Nur: Verschlingt jemand ein ganzes Huhn, das kurz in einer Chlorlösung desinfiziert worden ist, nimmt er weniger von dieser Chemikalie auf als mit einem kräftigen Schluck aus dem öffentlichen Schwimmbad. Das Institut für Risikobewertung meldet, das deutsche Huhn sei keineswegs gesünder als das amerikanische.

Anders als früher schotten sich die Staaten gegen die Konkurrenz nicht mehr mit hohen Zollmauern ab, sondern mit "nichttarifären Handelshemmnissen" wie Gesundheits-, Sicherheits- und Sozialstandards. Der Staat behindert Autohersteller hier wie dort mit Vorschriften über Spiegel, Heckleuchten und Blinker, die zwei Produktlinien erfordern und so die Preise treiben. TTIP will Barrieren wegräumen, die gerade den deutschen Mittelstand bedrängen, weil der oft nicht das Geld und Know-how hat, um die US-Zulassungsprozeduren zu meistern.

Europäische Banken wären die Diskriminierung durch Governance-Regeln los, die US-Institute nicht einhalten müssen. Deutsche Bauern hätten nicht mit 23 Prozent Zoll auf EU-Milchprodukte zu kämpfen. Die Franzosen könnten ihren Rohmilchkäse absetzen, aber keine Stopfleber. Kalifornien hat die Gänsequälerei verboten. Den Katalysator haben sie dort auch vor fünfzig Jahren erfunden. Wer etwas länger in Amerika gelebt hat, weiß, wie scharf – schärfer als in der EU – der Verbraucherschutz dort ist.

Wie bedroht ist die europäische Hochkultur vom US-Pop-Imperialismus? Überhaupt nicht, notiert der EU-Handelskommissar Karel De Gucht. Film und TV sind nicht Teil des Gesprächsmandats. Aufs Schafott kämen auch nicht die Kulturförderung und andere staatliche Wohltaten wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk oder die Buchpreisbindung. Bleibt der Beelzebub des Investitionsschutzes durch Schiedsgerichte.

Weit schlägt hier das Heuchelei-Meter aus. Ausgerechnet die Deutschen haben 1959 das erste Abkommen geschlossen – mit Pakistan. Seitdem sind es 130 geworden, zum Schutz gegen Diskriminierung und staatliche Willkür. Die EU hat 1228 solcher Abkommen mit Nicht-EU-Staaten. Das Recht auf Entschädigung bei Einkommensverlusten, so De Gucht, sei "frei erfunden". Ansonsten wären die Schiedskammern keine Femegerichte.

Der Freihandel hat Abermillionen Gewinner. Bloß bleiben sie eine gesichtslose Masse, während die Verlierer immer besser organisiert sind. Die Angst spricht lauter als jeweils 100 Milliarden jährliches Wachstum sowie eine Million Arbeitsplätze hier wie dort. Einen nützlichen Effekt aber hat die anschwellende Abwehrrhetorik. Sie zwingt deutsche wie EU-Politiker, sich dem Streit zu stellen und Fakten gegen Vorurteile aufzubieten. Die Rehabilitierung des "Chlorhuhns" ist ein erster Schritt.