Als die Flüchtlinge in die sächsische Kleinstadt Bautzen kamen, war dort nur eins gut geplant: der Protest gegen das Asylbewerberheim, in das sie einziehen sollten. Ein in die Jahre gekommenes Hotel am Stausee, etwas außerhalb der Stadt. Wochenlang hatten wütende Bürger gegen das Heim demonstriert. Sie hatten Briefe an den Stadtrat geschrieben und Unterschriften gesammelt. Von 300 Anwohnern am See waren 220 gegen die Flüchtlinge. Das Heim kam trotzdem. Die Ablehnung blieb.

Man muss nur zum Stausee hinuntergehen, um sie zu spüren. An einem warmen Herbsttag marschiert dort eine Gruppe Rentner mit Nordic-Walking-Stöcken am Ufer entlang. "Seit die Ausländer da sind, gehen wir nur in der Gruppe", sagt eine Frau mit roter Regenjacke und Wanderstiefeln. "Am besten mit Messern bewaffnet!", ruft ein Mann und fuchtelt mit seinem Stock durch die Luft. "Die haben im Kaufland in den Gang geschissen! Die haben ins Gemüse gespuckt! Die haben einen Deutschen verprügelt, der an inneren Blutungen gestorben ist." Niemand weiß, woher diese Geschichten kommen. Bei der Polizei hat davon noch niemand gehört.

Politiker beschwören die deutsche Willkommenskultur. "Das Boot ist nie voll", sagt Winfried Kretschmann, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg. "Der Konsens in der Bevölkerung, hier zu helfen, ist so groß wie nie." Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière ist "beeindruckt von der Aufnahmebereitschaft" im Land. Aber gleichzeitig wächst in vielen Orten die Wut. Im Landkreis Bautzen hat sich die Zahl der fremdenfeindlichen Straftaten in diesem Jahr verdoppelt, in ganz Deutschland steigt die Gewalt gegen Asylbewerber. Die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl und die Amadeu Antonio Stiftung haben von Januar bis September 2014 fast 200 Demonstrationen gegen Flüchtlingsheime gezählt und 47 gewalttätige Angriffe, davon 23 Brandanschläge. Auf Facebook gründen sich Bürgerinitiativen, 50 sollen es laut Pro Asyl sein. Sie heißen zum Beispiel "Nein zum Heim" und "Asylantenheim? Nein danke!". Es gibt sie in Sachsen genauso wie in Rheinland-Pfalz und Niederbayern. Der Geist, aus dem diese Initiativen entstanden sind, ist bis weit ins Bürgertum verbreitet, er ist in den Vororten Münchens genauso zu finden wie in der Eigenheimsiedlung, die sich ans Ufer des Bautzener Stausees schmiegt. Er speist sich aus fremdenfeindlichen Reflexen. Und aus der Wut auf Behörden und Lokalpolitiker, die den steigenden Flüchtlingszahlen nicht gewachsen sind.

Wenn Ibrahim al-Kodus* in die Stadt spaziert, wechseln manche Leute die Straßenseite. Sie formen mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger eine Pistole und zielen auf seinen Kopf. Einmal saßen glatzköpfige Männer in einem Baum und warfen Steine nach ihm. Al-Kodus zuckt mit den Schultern. "In Syrien fallen Bomben", sagt er. Ibrahim al-Kodus sitzt vor dem Eingang des Flüchtlingsheims, hinter ihm die Rezeption des ehemaligen Hotels, vor ihm ein meterhoher Zaun. Er trägt Shorts und Badelatschen, seine Augen sehen müde aus. "Ich vermisse meine Kinder", sagt er, "und meine Frau." Al-Kodus ist aus Syrien geflohen, Schleuser brachten ihn in die Türkei, über den Balkan und schließlich nach Sachsen. Seine Frau und seine vier Kinder hat er im Norden Syriens zurückgelassen. Dort, wo IS-Milizen durch die Dörfer ziehen, foltern und morden. Wenn Al-Kodus hier Asyl bekommt, will er seine Familie nachholen.

In Syrien, sagt Al-Kodus, war er Agraringenieur. In Deutschland sitzt er auf einem Plastikstuhl und wartet, dass jemand seinen Asylantrag prüft. Wie lange das dauern wird, weiß er nicht. Vier Monate harrt er schon aus. Für die deutsche Bürokratie ist Al-Kodus ein Kriegsflüchtling, jemand, den man überprüfen und unterbringen muss. Für die Bewohner am See ist er ein Eindringling, der ihre Ruhe stört und ihnen das Geschäft vermiest.

"Seit die Flüchtlinge da sind, bleiben die Gäste weg", sagt Matthias Schneider, ein kräftiger Typ mit Brille und Kapuzenpulli, der auf einer Terrasse am Stauseeufer sitzt, ein paar Hundert Meter vom Flüchtlingsheim entfernt. Seit fünf Jahren führt er die Ocean Beach Bar, ein kleines Strandcafé mit Bootsverleih und Cocktailbar. Im letzten Jahr hat er die Bar renoviert, für 100 .000 Euro, wie er sagt. Er hat einen Kamin in den Innenraum gesetzt und die Terrasse angebaut. Im Herbstwind weht eine Deutschlandflagge. Die Gläser sind geputzt, die Sonnensegel gespannt, im Wasser schaukeln die Tretboote. Nur die Gäste fehlen. "Seit die wissen, dass hier Asylbewerber wohnen, drehen sie völlig durch", sagt Schneider. "Die haben Angst, sich mit Aids und Hepatitis zu infizieren." Fünf große Familienfeiern hätten im letzten Monat in seinem Auftragsbuch gestanden, vier Familien hätten abgesagt, wegen der Flüchtlinge. "Hier braut sich Angst und Wut zusammen", sagt Schneider. Er redet, als seien es bloß die anderen, die so denken. Dann aber sagt er: "Die können mir doch nicht einfach ein Asylheim vor die Nase setzen!" Und schließlich: "Ich wundere mich, dass das Heim noch nicht brennt."

Obwohl die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland seit Jahren steigt, hat in Bautzen niemand mit ihnen gerechnet. Nach der Wende wurden die Plattenbauten am Stadtrand abgerissen. Jetzt, da immer mehr Flüchtlinge kommen und auch Bautzen Platz für sie schaffen soll, sucht der Landkreis verzweifelt nach Immobilien, die die notwendigen Standards erfüllen: Rauchmelder in jedem Zimmer, Brandschutztüren, solche Dinge. Mehr als 150 Häuser haben die Behörden geprüft. Keines war geeignet. Dann kam der Hotelier vom Stausee – der Einzige, der sich auf die Ausschreibung meldete. Der Landkreis sagte zu, obwohl der Hotelier keinerlei Erfahrung mit Asylbewerbern hat. Und obwohl das Heim gegen den Bebauungsplan verstößt. Die Gegend um den Stausee ist ein Naherholungsgebiet. Dort, so will es der Bebauungsplan der Stadt Bautzen, dürfen keine sozialen Einrichtungen stehen. Kein Kinderheim, keine Behindertenwerkstatt, auch kein Flüchtlingsheim. Doch Landkreis und Hotelier behalfen sich mit einem Trick: Sie nennen das Flüchtlingsheim "Boarding House". "Ich fühle mich verarscht", sagt Matthias Schneider. "Die Politik hat das Gesetz gebrochen, an das ich mich selber halten muss." Dass die Flüchtlinge seine Nachbarn würden, habe er aus der Zeitung erfahren.