"Mensch, wann wirst du mal vernünftig?" Die Mutter am Telefon versteht ihren rebellischen Sohn einfach nicht: "Du musst doch mal an dein eigenes Leben denken, du musst doch mal was draus machen können." Die 1926 geborene Erna Fischer ist seit 1949 SED-Mitglied und war lange Zeit Gesellschaftlicher Mitarbeiter für Sicherheit des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Oft hatte sie der Stasi über ihren Sohn berichtet, der an diesem 29. Oktober 1988 wieder mal bei ihr anrief. Werner Fischer, 39, ist damals einer der wichtigsten Köpfe der DDR-Opposition und seit Jahren der Lebensgefährte von Bärbel Bohley. Am Telefon entwickelt sich nun ein Gespräch, das es so zwar unzählige Male in der DDR gegeben hat zwischen Anhängern und Gegnern des Systems. Aber wir können es heute Wort für Wort nachlesen, denn die Stasi hörte und schrieb mit – worüber sich Werner Fischer keine Illusionen machte: "Natürlich sind das absolute Schweine, die diesen Job machen, muss ich dir wirklich übers Telefon sagen, obwohl ich weiß, dass das abgehört wird. Das sind absolute Schweine."

Es ist ein atemraubendes Dokument, das die eifrigen Protokollanten da hinterlassen haben: auf der einen Seite die ideologisch verbohrte Genossin und sich dennoch sorgende Mutter, die ihrem Sohn außer Phrasen nichts entgegenzusetzen hat ("Einen Kapitalisten brauchen wir nicht, einen Ausbeuter"), auf der anderen Seite der Sohn und Dissident, der tags zuvor wieder einmal von der Stasi für ein paar Stunden festgesetzt worden ist ("Das sind deine Genossen", "deine Regierung und deine Scheißpartei"). Wohl zum tausendsten Mal versucht er sich zu erklären: "Und dagegen wehren wir uns, selbstverständlich, weil wir uns nicht entmündigen lassen und uns unwürdig behandeln lassen müssen, von diesen Knallärschen. Dieses Politbüro gehört abgesetzt." Doch sein Reden ist vergeblich. "Ach Mensch, Mutti, du bist nicht mehr von dieser Welt, das muss ich dir wirklich sagen."

Dieses Zeugnis eines aussichtslosen Mutter-Sohn-Gesprächs, ein Jahr vor der Revolution in der DDR, findet sich in einer sensationellen Edition (Fasse Dich kurz! Der grenzüberschreitende Telefonverkehr der Opposition in den 1980er Jahren und das Ministerium für Staatssicherheit), die soeben erschienen ist. Erstmals werden darin die Telefonabhöraktivitäten der Stasi systematisch präsentiert – anhand eines besonders interessanten Personenkreises: der Ostberliner Oppositionellenszene zwischen 1985 und 1989.

Acht Jahre dauerte es, bis die 150 Dokumente ausgewählt waren, die der mehr als 1.000 Seiten dicke Band umfasst, von den Herausgebern Ilko-Sascha Kowalczuk und Arno Polzin, beide Mitarbeiter der Stasi-Unterlagen-Behörde, umfassend eingeleitet und hervorragend kommentiert. Auch rechtlich war es ein heikles Projekt, schließlich hörte die Stasi selbst nach DDR-Gesetzen meist illegal ab. Die Persönlichkeitsrechte der Opfer mussten gewahrt bleiben. Allerdings wäre eine Dokumentation wie diese sinnlos gewesen ohne namentliche Nennung der Akteure. Hunderte Betroffene gaben ihre Zustimmung, unter ihnen Bärbel Bohley, Freya Klier, Stephan Krawczyk, Lutz Rathenow, Wolfgang Templin, Gerd und Ulrike Poppe sowie Roland Jahn, der heutige Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde. So erfahren die Leser nicht nur, wie das MfS mit seinen 2.300 Mitarbeitern in der für die Telefonüberwachung zuständigen Hauptabteilung III gearbeitet hat, sondern auch, wie die Oppositionellen agierten.

Selbst Honecker geriet einmal in die Fänge der Telefonüberwachung

Bei Telefonüberwachung denkt heute jeder an die Abhör- und Datensammelwut des US-Geheimdienstes NSA; schnell waren seit den Snowden-Enthüllungen Stasi-Vergleiche zur Hand. Allerdings bleibt bislang im Dunkeln, ob und wie die NSA ihre Daten verwendet. Bei der Stasi hingegen ist das seit Langem "aktenkundig".

Freilich waren die technischen Möglichkeiten damals viel weniger entwickelt als heute. Private Telefonanschlüsse gab es kaum. Man musste mitunter jahrzehntelang warten, weil die Mangelwirtschaft nicht hinterherkam. Es sei denn, man war als Oppositioneller bekannt, dann ging es ganz schnell, schließlich wollte einen die Stasi ja überwachen. Jeder wusste das – die wenigsten aber ließen sich davon beeindrucken. Robert Havemann, der 1982 verstorbene Stammvater der DDR-Opposition, freute sich gar über Lauscher. Auch die seien schließlich Öffentlichkeit.

Ohnehin hatten die einstigen konspirativen Methoden kaum etwas gebracht, allenfalls Stasi-Unterwanderung und Gefängnisaufenthalte. Deshalb wandten sich die Oppositionellen der achtziger Jahre vermehrt an westliche Medien. So wollten sie Solidarität erzeugen – und durch Berichte in ARD und ZDF auch die DDR-Bevölkerung erreichen, die Westfernsehen schaute. Ständig wurde zwischen Ost und West hin und her telefoniert. Wirklich Geheimes gelangte dann natürlich im Gepäck westlicher Journalisten über die Grenze, die oft Kurier spielten.