Ein neuer Begriff geistert durch die Kunstwelt. Erst war er ein kleines Flackern an den Rändern des Diskurses, mittlerweile hört man ihn wie selbstverständlich in den Künstlerbars von Neukölln und New York, und er breitet sich aus wie ein Schlagwort auf Twitter: "Post-Internet Art". Ohne dass man sich auf eine Definition geeinigt hätte, scheint jeder, der ihn verwendet, zu wissen, was er bedeutet, und so steht er wohl erst einmal für ein geteiltes Grundgefühl oder vielleicht auch nur für einen Wunsch: nach einem neuen Aufbruch. Denn wenn die Digitalisierung alle Lebensbereiche durchdringt, warum sollte die Kunst so weitermachen wie bisher?

Das dachte man sich wohl auch in den Gremien der Berlin Biennale, die gerade die Kuratoren für die kommende Schau 2016 bekannt gegeben hat: Die Wahl fiel auf DIS, ein New Yorker Künstlerkollektiv, das bislang kaum je eine klassische Ausstellung kuratiert hat. Bekannt wurde es viel mehr mit seinem schrillen Onlinemagazin DIS Magazine, einer Art Zentralorgan der Post-Internet Art.

Nur, was ist "Post-Internet"? Ist es eine Ästhetik? Eine Bewegung? Ein Stil? Oder steht Post-Internet für eine allgemeine Verfasstheit der Gegenwart, einen Umbruch im Verhältnis von Mensch und Technik, von Subjekt und Gesellschaft?

In den letzten Jahren war die zeitgenössische Kunst, zumindest die auf den Biennalen, zumeist von einem melancholischen Diskurs bestimmt. Ratternde 16-Millimeter-Projektoren und fein abgezählte Hölzchen und Stöckchen arbeiteten sich am Erbe der Aufklärung und ihres klassifikatorischen Denkens ab, im Vertrauen auf eine subtile Widerständigkeit der Kunst. Die letzte Berlin Biennale lässt sich als letzter müder Augenaufschlag dieses Diskurses verstehen.

Dagegen kündigte sich schon im vorigen Jahr auf der Venedig-Biennale in Werken von Anfang 30-Jährigen ein neuer Ton an, voll von Welt, und zwar einer Welt, wie sie heute ist: vernetzt und durch und durch bestimmt von digitaler Technik. Die Videoinstallation Grosse Fatigue von Camille Henrot präsentierte den Desktop als Fenster zur Realität. Über das Hintergrundbild eines Zebras legte sich Bildschirmfenster auf Bildschirmfenster mit immer neuen Videos: Mal hob ein Archivar zärtlich ausgestopfte Tukane aus Museumsschubladen, mal rann Shampoo in Werbeästhetik nackte Männerkörper herunter. Über einem hypnotischen Beat erzählte eine aufgeregte Männerstimme Geschichten der Weltentstehung aus verschiedensten Kulturen. Die Arbeit kündete vom beschleunigten, offenen Denken einer jungen Generation. Sie zeigte die Welt als Scheibe, flach wie der Bildschirm eines Tablets, auf dem Fremdes wie Vertrautes griffbereit nebeneinanderliegen. Camille Henrot wurde in Venedig mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet, vor zwei Wochen bekam sie in Krefeld den Nam-June-Paik-Preis.

Vor Kurzem präsentierte dann das Kasseler Fridericianum eine Schau, die allgemein als Bestandsaufnahme der Post-Internet Art gilt, auch wenn der Begriff vermieden wurde. "In einer Welt voll von generierten Bildern verändert sich der Auftrag der Kunst", verkündete das Begleitheft programmatisch. Und so beherrschten denn computergenerierte Bilder das Museum, wobei sie nicht nur zweidimensional waren. Yngve Holen hatte beispielsweise drei Fleischstücke aus einer Berliner Metzgerei per 3-D-Scanner erfassen und nachmodellieren lassen – in Carrara-Marmor, dessen roter Glanz dem der Originale glich. Sie waren auf höhenverstellbaren Bühnenelementen ausgelegt, was an die Produktpräsentation auf einer Messe erinnerte. Währenddessen hatte Timur Si-Qin mit Samuraischwertern einige Axe-Shampoo-Flaschen durchbohrt, deren greller Inhalt auf den Boden suppte. Die überdrehte Ästhetik der Werbung und der Bildermüll der Netzkultur fanden hier ihre Würdigung als eine Art zweiter Natur.

Ein brusthohes Chamäleon stand im Raum und schien argwöhnisch das Geschehen zu beäugen. Katja Novitskova hatte sein Foto aus dem Internet gezogen, es auf eine Aluminiumplatte gedruckt und aufrecht in den Raum gestellt. Wenn die 30-Jährige ihre Installationen mit Pinguinen oder schmusenden Giraffen fotografiert und wieder ins Netz stellt, dann schießen sie schon mal an die Spitze der Hitlisten der im Internet so beliebten Bildblogs, befeuert von einem anonymen Publikum, das nichts mit Kunst zu tun haben muss.

So wird der Ausstellungsraum gleichsam zum Zwischenlager, zum Knotenpunkt für Feedbackschleifen der Aufmerksamkeit. Viele Künstler, erzählt der Berliner Galerist Amadeo Kraupa-Tuskany, machten, sobald die Werke im Raum positioniert seien, erst mal ein Foto davon und prüften die Wirkung auf dem Bildschirm. Fotogenität wird zum zentralen Qualitätskriterium.