DIE ZEIT: Frau Roth, vor Ihnen sitzen vier Vertreter der unpolitischsten Generation aller Zeiten ...

Claudia Roth: Das halte ich für Quatsch! Gerade hier sitzen doch die Gegenbeispiele. Und als ob zu meiner Zeit alle so politisch gewesen wären. Auf meinem Gymnasium gab es gerade mal einen Juso, zwei Jungdemokraten und ein paar von der Jungen Union. Alle anderen hatten mit Politik nicht viel am Hut. Da sollte man jetzt also keine Geschichten erzählen von der großen Politisierung der Jugend in jener Zeit!

Wiebke Winter: Ich glaube auch nicht, dass die Jugendlichen heute per se unpolitisch sind. Durch mein privates Umfeld bin ich früh in Kontakt mit politischen Themen gekommen. Ich habe aber auch immer die Erfahrung gemacht, dass die Leute sagen: Oh, du bist in der Jungen Union! Was bist du denn für eine?

Roth: Ja, das hätte ich auch gesagt. (lacht)

Wiebke: Kann ich mir denken. Aber wenn die Menschen hören, dass ich Politik mache, dann sagen viele: Das finde ich spannend! Sie wollen meine Meinung hören, Freunde schicken mir beispielsweise SMS mit der Frage: Wiebke, was meinst du denn jetzt zu Putin, was ist da los? Ich habe nicht das Gefühl, dass die Leute nicht interessiert sind. Dass so viele nicht mehr wählen gehen, liegt eher daran, dass sie es nicht mehr für so wichtig halten, weil sie spüren, irgendwie läuft das schon in Deutschland. Unsere Generation hat nie erlebt, dass etwas mal nicht funktioniert. Wir sind so zufrieden! Das ist ein großes Problem.

Jennifer Yeboah: Ich glaube auch, dass die Leute sehr zufrieden und daher gemütlich geworden sind. Aber neben den Akademikerkreisen gibt es eben auch andere, die nicht in diesem Maße politisch sozialisiert und emanzipiert wurden und für die es sehr wichtig ist, dass sie auch für ihre Rechte kämpfen.

Roth: Schauen Sie sich doch diese Runde an! Wer hier an diesem Tisch sitzt und wer nicht.

Jennifer: Wer fehlt Ihnen?

Roth: Ich frage mich eben, wie kommen wir überhaupt noch an jenes Drittel von Menschen heran, über die die Soziologen sagen: Die sind schon abgehängt, die beteiligen sich gar nicht mehr?

ZEIT: Nicolas, du machst Musik, bist in der Philanthropischen Gesellschaft. Aber politisch engagierst du dich nicht. Warum?

Nicolas Rückert: Richtig, ich bin politisch nicht organisiert. Die Musik hatte bei mir immer die erste Priorität. Dennoch bin ich politisch und habe meine eigene Meinung. Und wenn Leute mir sagen: Mich spricht überhaupt keine Partei mehr an, dann entgegne ich denen ganz klar: Pass auf, wenn du nicht wählen gehst, unterstützt du am Ende die radikalen Kräfte.

ZEIT: Würdest du dich mehr engagieren, wenn du mehr Anregungen und Vorbilder hättest, Leute, die dich mitziehen?

Nicolas: Sicher, wenn da jemand in meinem Umfeld politisch prägend gewesen wäre, vielleicht hätte der mich auf einer anderen Ebene erreicht. Letztlich ist es bei mir momentan aber auch eine Frage der zeitlichen Ressourcen.

Alex Martin: Wieso nur gewisse Leute hier sitzen und warum jene in prekären Verhältnissen kein Interesse an der Gesellschaft haben? Ich würde eher sagen: Die Gesellschaft hat kein Interesse mehr an ihnen. Die Gesellschaft hat für diese Menschen, mit Verlaub, immer wieder nur ein lautes "Fuck you" anzubieten. Das fängt damit an, dass sie auf der Hauptschule sitzen und dort schon wissen, was sie ihr Leben lang machen werden, im Zweifelsfall nämlich nichts oder etwas, das sie nicht glücklich macht. Man fühlt sich überflüssig, weil man überflüssig gemacht wird. Dieser Gesellschaft geht es nicht um die Bedürfnisse der Menschen, sondern um Verwertbarkeit. Dass diese Leute keine Lust auf ein konstruktives Mitmachen in dieser Gesellschaft haben, kann ich sehr gut verstehen.