Die größte Kunst des Komikers Hape Kerkeling liegt im Ungesagten. Nicht, dass die Rollen, in die er schlüpfte, unzureichend verquasselt wären – aber den stärksten Effekt machte er mit dem Verstummen, einer stummen Geste, einem stumm beleidigten Sich-Wegdrehen. Wenn der schmierige Horst Schlemmer, diese gnadenlose Meisterkarikatur eines schleimigen Lokaljournalisten, unversehens mit seiner Suada ins Nichts geriet, in ein Loch plötzlich tief empfundener Missachtung, und jäh den Schnabel hielt: Das war überwältigend komisch, weil es überwältigend traurig war. Den Einbruch des Menschlichen in eine mechanisch angelegte Kunstfigur vorzuführen – als würde ein Roboter auf einmal ein verletztes Herz zeigen – gehört zu den Kniffen, die aus Hape Kerkeling einen genialen Komödianten machen (jedenfalls zu viel mehr als dem, was das Fernsehen mit der angelsächsischen Schrumpfform des Comedians bezeichnet).

Übrigens kann Kerkeling auch schon stumm auf die Bühne beziehungsweise den Bildschirm kommen, und das Publikum lacht: in Erwartung kommender Komik, vielleicht aber auch, weil es ein minimales Mundzucken wahrnimmt – und unter Umständen nicht einmal das. Das schweigende Pokerface oder vielmehr eigentlich ganz liebe, dickliche, grundgutmütige Jungensgesicht, das Kerkeling nur so in die Kamera hält, setzt mehr Witz frei, als andere, schrillere Ulknudeln in ihrem ganzen Fernsehleben produzieren.

Mit dem Nichtgesagten, dem Nichtsagen ist allerdings im Medium des Buches wenig anzufangen. Auf den Seiten muss schließlich etwas stehen, und da bleibt Kerkeling nichts anderes übrig, als gleich zu Beginn seiner Jugenderinnerungen, die jetzt unter dem Titel Der Junge muss an die frische Luft erschienen sind, den ganz großen und lauten Quasselmotor anzulassen. Was aus dem Gerassel der Kalauer, Witzchen und automatisierten Pointen herauszuhören ist: große Zufriedenheit mit sich selbst, großes Staunen über die Größe seiner Karriere, behagliche Wahrnehmung der eigenen Güte, die sich in bereitwilliger Teilnahme an Spendengalas, Aidsgalas, Welfare-Aktionen jeder Art niederschlägt. Im Gespräch mit einem traumatisierten Kind in Afrika, in der Bespaßung eines sterbenden Mädchens – überall beweist der Autor sein Herz, seine Einfühlung und Nächstenliebe. Schön, wenn man so gut ist.

Und noch dazu ein gläubiger Christ. Es ist keineswegs nur das Pilgern auf dem Jakobsweg, das er in seinem Bestseller Ich bin dann mal weg beschrieben hat, es ist ein allgemeines schönes Gottvertrauen, das er auch in diesem Buch von Seite zu Seite beschwört. Der Mann lebt in natürlichem Einklang mit seinem Schöpfer und braucht der katholischen Kirche nicht zu erlauben, in sein gutes Gewissen und erfülltes Schwulsein hineinzureden. Man fragt sich freilich auch, wozu ein derartig aufgepumptes, aufgeblähtes Seelenwohlgefühl nötig sein sollte und vor dem staunenden Leser ausgebreitet werden muss – warum es wie ein pralles Sofakissen aufgeschüttelt und drapiert werden muss, bevor man sich setzt.

Die Antwort erfährt man allerdings bald, und sie ist erschütternd. All die Polster sind gestopft und bereitgelegt für den Moment des Zusammenpralls mit jener Geschichte, die Hape Kerkeling eigentlich erzählen will und die den Flucht- und Angelpunkt seiner Erinnerungen bildet: der Selbstmord seiner Mutter. Man kann sich leicht ausmalen, was es für einen Achtjährigen bedeuten muss, das langsame Abgleiten in eine Depression und den Freitod der Mutter zu erleben – das Verstummen und schließliche Verschwinden. Was man sich nicht ausmalen kann, aber Kerkeling tatsächlich erfahren und nun beschrieben hat: wie es ist, den Tablettentod im Bett der Mutter mitzubekommen, Seite an Seite mit der Sterbenden in katatonischer Schockstarre zu liegen, bis der Vater frühmorgens von der Nachtschicht kommt und, freilich zu spät, die Feuerwehr ruft.

Nichts davon erspart der Autor uns. Wie die Mutter sich in den Monaten zuvor immer mehr entzieht, am Ende nur noch brütend in der Küche sitzt, auf einem Stuhl mit dem Rücken zum Fenster, wie der kleine dicke Junge sich abkaspert, ihr doch hie und da eine Reaktion, womöglich ein Lächeln zu entlocken, indem er Sketche erfindet und Fernsehstars parodiert – eine frühe Übung und harte, aus Not provozierte Vorschule der Komikerkarriere, die er heute gewiss zu Recht darin sieht. Nur seinerzeit waren die Späße vergebens. Erst am Abend des Selbstmordes belebt sich die Mutter, kleidet sich schön zur Nacht, erlaubt dem Sohn, bis zum Sendeschluss fernzusehen, und geht ins Schlafzimmer sterben. Das Kind indes, beunruhigt von Ausnahme und Großzügigkeit, hält nur mühsam bis zum Testbild durch, geht schließlich zur Mutter und legt sich, da er sie schlafend findet, dazu. Schläft auch ein, erwacht von den Geräuschen der Agonie, ängstigt sich, weiß nicht, tut nicht, kann nicht – und erstarrt.