Siegessicher: Kämpfer des IS in Kobani © Stringer/Reuters

Seit über zwei Monaten bombardiert die amerikanische Luftwaffe Stellungen des "Islamischen Staates" (IS) im Irak – inzwischen mit Unterstützung mehrerer westlicher Verbündeter. Seit über zwei Wochen fliegen die USA Angriffe auf den IS in Syrien – hin und wieder flankiert von Kampfflugzeugen aus Saudi-Arabien, Katar und weiteren Golfstaaten.

Was hat das im Kampf gegen den IS bislang genutzt?

Erschreckend wenig.

Amerikas neue Intervention im Mittleren Osten begann mit ersten Erfolgen. Die Bombenangriffe auf IS-Stellungen im Irak trugen maßgeblich dazu bei, den Vormarsch der Dschihadisten auf Bagdad und Erbil, die Hauptstadt der autonomen kurdischen Region im Nordirak, zu stoppen – und damit weitere Massaker und Massenvertreibungen zu verhindern. Irakisch-kurdische Peschmerga-Einheiten, vor allem aber die Guerilla der türkisch-kurdischen PKK haben seither den Norden des Landes einigermaßen abgesichert. Eine neue, gemäßigtere, wenn auch weiterhin schiitisch dominierte Regierung in Bagdad versucht, Kurden, Sunniten und Schiiten politisch wieder zusammenzubinden.

Keine schlechte Strategie – jedenfalls auf dem Papier. Ihr Erfolg hängt allerdings davon ab, dass der IS seinen Deckmantel als Beschützer der Sunniten verliert und damit seinen Rückhalt in Teilen der Bevölkerung. Genau das geschieht nicht – weder im Irak noch in Syrien.

Das irakische Militär tut derweil alles, um die humanitäre Katastrophe zu verschlimmern und die Gräben zwischen Sunniten und Schiiten zu vertiefen. 1,8 Millionen Binnenflüchtlinge sind über das Land verteilt. Kurden, Jesiden und Christen finden im Norden Zuflucht, viele Schiiten in Bagdad und im Südirak. Am schlimmsten leidet derzeit die sunnitische Zivilbevölkerung in der Provinz Anbar. Rund 500.000 Menschen sind allein hier auf der Flucht – viele nicht vor dem IS, sondern vor dem eigenen Militär.

Anbar ist jene Provinz, in der vergangenes Jahr friedliche Proteste gegen das repressive schiitische Regime in Bagdad begannen, die dann von der Armee niedergeschlagen wurden. Hier hatte sich der IS schon im Dezember festgesetzt – zum Teil mit Duldung lokaler Stammesführer. Hier führt die irakische Armee seither einen ebenso horrenden wie stümperhaften Luftkrieg. Während bei Angriffen westlicher Kampfbomber im Irak offenbar kaum Zivilisten getötet worden sind, haben irakische Luftangriffe und Mörserattacken die beiden größten Städte in Anbar, Ramadi und Falludscha, schwer beschädigt. Dabei wurden offenbar auch immer wieder Fassbomben abgeworfen. Das sind mit Sprengstoff, Schrauben und Schrapnells gefüllte Fässer, wie sie auch das syrische Regime gegen Stadtteile mit Oppositionellen einsetzt.

Iraks neuer Premierminister Haider al-Abadi verkündete im September zwar einen Stopp der Bombardements auf Wohngebiete, doch dieser wird offenbar nur bedingt eingehalten. "Ramadi brennt", berichtet ein irakischer Arzt dem UN-Nachrichtendienst Irin. Hospitäler seien entweder zerstört oder ohne Strom und Medikamente. "Wir sind nicht mal mehr in der Lage, die einfachsten Krankheiten zu behandeln."

Mit der Verzweiflung und Wut der sunnitischen Zivilbevölkerung wächst auch das Rekrutierungspotenzial für den IS.

Noch ein anderer Akteur spielt den Dschihadisten im Irak in die Hände: der ehemalige Premierminister Nuri al-Maliki. Sein Autoritarismus und die Gewalt schiitischer Milizen unter seiner Kontrolle haben maßgeblich jenen fragilen Burgfrieden zwischen Sunniten und Schiiten zerstört, den die USA nach ihrem Abzug 2011 hinterlassen hatten. Al-Maliki räumte sein Amt Mitte August auf massiven Druck aus Washington und Teheran für den moderateren Al-Abadi. Seine Milizen aber sind geblieben. Laut der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) sind sie zusammen mit bestimmten irakischen Polizei- und Armeeeinheiten verantwortlich für Massenexekutionen, Entführungen und Folterungen in sunnitisch dominierten Städten, aus denen der IS mithilfe amerikanischer Luftangriffe vertrieben worden ist. "In Washington treffen diese Vorwürfe auf taube Ohren", sagt Erin Evers, Irak-Expertin bei HRW.

Tagsüber verstecken sich IS-Kämpfer in den Häusern der Bevölkerung

Dahinter steckt nicht nur kalkulierte Blindheit gegenüber Menschenrechtsverletzungen, die von vermeintlichen Verbündeten begangen werden. Dahinter steckt auch der immer wiederkehrende Irrtum, dass Zivilbevölkerungen, die von Militärinterventionen betroffen sind, eine hilflose Masse darstellen, die man den Hilfsorganisationen überlassen kann.

Die Menschen im Irak und in Syrien sind und bleiben allem Elend zum Trotz politische Akteure, deren Haltung zu den jüngsten Luftschlägen mit ausschlaggebend sein wird für deren Gelingen oder Scheitern. Und keineswegs alle irakischen und syrischen Zivilisten halten den IS für das größte Problem in ihren Ländern.