Kennen Sie Miklós Erdély, den 1986 verstorbenen Architekten, Filmemacher, Dichter und Konzeptkünstler, Zentralfigur der ungarischen Neoavantgarde, Gründer der Gruppe Indigo? Am Stand der Budapester Galerie Kisterem auf der Viennafair waren letzte Woche seine ephemeren Zeichnungen auf Telexrolle zu entdecken, von entwaffnender Schlichtheit und einigem Witz: eigentlich nur schraffierte Quadrate, die schief in der Luft hängen wie Papierdrachen an verzwirbelten Schnüren, per Pauspapier vervielfältigt zur Sequenz.

Oder den Mathematiker Liviu Stoicoviciu, der in den siebziger Jahren auf der Suche nach der Formel für Schönheit per Zirkel ausufernde bunte Fraktale komponierte? Zwei Blätter hingen am Stand der Galerie Jecza aus Temeschwar und waren ab 1650 Euro zu haben.

Wenn Sie jetzt neugierig geworden sind, dann müssen Sie in einem Jahr nach Wien fahren. Wie auf jeder Kunstmesse konnte man auch hier Gemälde und Fotografien von Altbekannten wie etwa Jonathan Meese oder Marina Abramović kaufen. Der Galerist Guy Pieters aus Belgien hatte sogar Arbeiten von Julian Schnabel, Christo und Yves Klein dabei.

Ein Sammler schwärmt von der "östlichsten Messe der Welt"

Doch wenn die Viennafair etwas zu bieten hat, was andere Messen in dieser Tiefe nicht bieten können, dann sind es Kleinode von Künstlern, von denen man nie etwas gehört hat, präsentiert von Galeristen, denen man zum ersten Mal begegnet und die aus osteuropäischen Städten kommen, in die man noch nie gereist ist – obwohl der Fall des Eisernen Vorhangs jetzt schon ein Vierteljahrhundert her ist. Man entdeckt hier Künstler, die vielleicht schon lange auch außerhalb ihrer Heimat als Klassiker gelten würden, hätten sie ihre Arbeiten nicht teils über Jahrzehnte hinweg nur in der eigenen Wohnung zeigen können. So wie der Rumäne Ion Grigorescu etwa, der seit zwanzig Jahren eine schleichende Anerkennung erfährt und auch mal der "rumänische Bruce Nauman" genannt wird, zumindest von Rumänen.

"Das ist die östlichste Messe der Welt!", freut sich Aaron Levine. Der Rechtsanwalt und seine Frau Barbara sammeln seit einem knappen halben Jahrhundert Konzeptkunst und sind für die Viennafair aus Washington angereist. Auch Kira Flanzraich aus Miami ist gekommen, Alain Servais aus Brüssel und rheinische Sammler wie Gil Bronner oder Ingrid und Thomas Jochheim – deutliche Anzeichen dafür, dass die Messe in ihrem zehnten Jahr ihren Provinzstatus überwindet. Die Kunstszene wird auch von den parallelen Ausstellungseröffnungen in Institutionen wie der Kunsthalle und dem Museum moderner Kunst angezogen sowie der Veranstaltung Curated by, für die zwanzig internationale Kuratoren Wiener Galerien bespielen dürfen.

Zum ersten Mal sei schon am ersten Tag der Messe gut verkauft worden, freut sich Christina Steinbrecher-Pfandt, die Direktorin der Viennafair, die das Teilnehmerfeld auf 99 Galerien ausgedünnt hat. Eine Maßnahme zur Qualitätssteigerung – aber vielleicht wollte auch so mancher Aussteller aus dem Ausland nicht mehr wiederkommen.

Zehn Jahre lang überlebte die Viennafair nämlich mehr schlecht als recht von den Ankaufsetats der Wiener Museen und jenen österreichischen Unternehmen, die ihre Expansionen nach Südosteuropa mit dem Sammeln südosteuropäischer Kunst begleiten – allen voran die Erste Bank, die als Hauptsponsor Ausstellern aus den sogenannten CEE-Ländern immer wieder finanziell unter die Arme greift und sich so direkt vor der Haustür mit Nachschub versorgen kann.

Dass es die Messe noch gibt, verdankt sich inzwischen auch Kapital aus Osteuropa: Vor zwei Jahren übernahmen die russischen Unternehmer Sergej Skaterschikow und Dmitrij Aksenow die Rechte. Seit Skaterschikow sich als Teilhaber zurückzog, finanziert Aksenow, dessen Immobiliengruppe RDI in Russland ganze Stadtteile hochzieht, das Zuschussgeschäft allein und freut sich über den Prestigegewinn, den die Kunst ihm zu Hause wie in Europa bereitet. Stolz präsentierte er vergangene Woche den österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer, der die Eröffnungsrede zur Viennafair hielt.

Und so ermöglicht es Aksenows großer russischer Rettungsschirm, eine kleine Entdeckermesse im Schatten des internationalen Kunstmarktrummels aufrechtzuerhalten. Inzwischen hat hier jeder eingesehen, dass man es nie mit internationalen Kunstmessen wie der Fiac oder der Frieze wird aufnehmen können, und so konzentriert man sich auf das Alleinstellungsmerkmal, Drehkreuz für die Kunstszenen aus Ost und West zu sein. Sechs der Aussteller kommen aus dem benachbarten Ungarn, drei aus den baltischen Ländern, fünf aus Polen, zehn aus Russland.

Die Ukrainekrise? Habe null Auswirkung auf den Kunstmarkt, erklärt Direktorin Steinbrecher-Pfandt. Wohl aber auf den Alltag der russischen und ukrainischen Künstler: Bei der Galerie Mironova aus Kiew sind erst im letzten Moment Tusche- und Ölzeichnungen des Performancekünstlers Anatoly Belov eingetroffen. Sie zeigen Barszenen und Gedichte Belovs, auf Ukrainisch und Russisch. Eine große Seifenskulptur von Maria Kulikovska aber steckte bis zum Ende der Messe irgendwo zwischen der Ukraine und der Türkei beim Zoll fest.

In einer Sondersektion der Viennafair präsentieren sich in diesem Jahr elf rumänische Galerien und Projekträume, denen Südosteuropas größter Gas- und Ölproduzent OMV die Miete zahlt. Die Rumänen bringen eine sympathische Unangestrengtheit in die Messe. Bei der Bukarester Galeristin Andreiana Mihail, die die Sektion kuratiert hat, weiß man erst nicht, ist sie arrogant, ist sie genervt? Ach nein, stellt sich heraus, das ist die rumänische Bescheidenheit, sie hat einfach keine Lust, eine Rolle zu spielen. Schweigend sitzen wir vor dem Film The Gatherer von Edi Constantin und sehen einem alten Mann dabei zu, wie er auf einer viel befahrenen Kreuzung Sand zusammenkehrt. Es sei schwierig mit der zeitgenössischen Kunst in Rumänien, erzählt Mihail. Es gebe keine Steuervorteile für Kunstkäufer. Und nur zwei, drei ernsthafte Sammler.