Zu Nacktselfies hat der designierte EU-Kommissar für Digitales, Günther Oettinger, eine klare Haltung: "Vor Dummheit kann man die Menschen nur eingeschränkt bewahren." Für dumm hält er all jene Promis, die Nacktfotos von sich selbst machen und ins Netz stellen. Im Internet kursieren derzeit eine Menge Privatbilder von unbekleideten, meist weiblichen Hollywoodstars. Allerdings haben sie diese Bilder nicht selbst der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, sondern sie wurden aus ihren Privataccounts gehackt. Oettingers Dummen-These ist daher ebenso falsch wie oberflächlich.

Juristisch ist die Verletzung der Intimsphäre, zu der Nacktbilder zählen, immer unzulässig. Trotzdem wird den Opfern der Hackerangriffe eine Mitschuld gegeben: Wahrscheinlich haben sie ihre Fotos nicht ausreichend geschützt, heißt es dann. Und überhaupt, was ist eigentlich mit diesen Frauen los, die immerzu Bilder von sich selbst machen müssen, dazu auch noch nackt?

Diese Fragen offenbaren ein grundsätzliches Missverstehen des Selfies. Das mit dem Smartphone gemachte Selbstporträt, auch das nackte, hat wenig mit Selbstbespiegelung und viel mit Selbstbestimmung zu tun. Der von sich selbst fotografierte Akt ist ein Akt der Emanzipation – er dient der Deutungshoheit über das eigene Bild.

Oversharing wird der Trend genannt, dass Menschen immer mehr über sich selbst öffentlich preisgeben – vor allem in Bildern. Die private Kommunikation unterscheidet sich damit kaum noch von den Methoden der Medien: Bilder sind wirkmächtiger als Texte, sie wecken stärkere Gefühle. 

Folge der Medienkultur

Dass insbesondere Jugendliche in bildbasierten Sozialen Netzwerken zu Hause sind, ist also auch das Resultat unserer Medienkultur. Die Antwort darauf, warum schon Zwölfjährige untereinander mit dem Smartphone selbst geschossene Nacktbilder verschicken (Sexting genannt), müssen Erwachsene in der Welt suchen, die sie medial geschaffen haben und gestalten. Denn während sie versuchen, ihre Kinder aufzuklären, welch verletzende Konsequenzen das Alles-mit-allen-Teilen haben kann, agieren die Erwachsenen selbst oft unbedacht. Zum Beispiel dann, wenn sie bei geleakten Inhalten die Schuld nicht bei den Tätern, sondern bei den Opfern suchen.

Nichts anderes tut auch der vordergründig wohlmeinende Vorschlag, doch ganz auf Selfies zu verzichten, um sich erst gar nicht verletzbar zu machen. Zudem ignoriert dieser Vorschlag einen wichtigen Aspekt des Selbstporträts: den der Macht über das eigene Bild. Die Geschichte des Nackt-Selfies beginnt schon weit vor dem Internet. Nachdem jahrhundertelang die künstlerische Dokumentation von Frauenkörpern in Männerhand lag, wagte Paula Modersohn-Becker 1906 einen radikalen Schritt, in dem sie ein Selbstgemälde von sich anfertigte. Nackt.

Im vergangenen Jahr hat das Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen dem weiblichen Selbstakt eine Ausstellung gewidmet. Sie. Selbst. Nackt. hieß die Werkschau, bei der die Selbstbildnisse von Malerinnen, Fotografinnen und Videokünstlerinnen ausgestellt wurden. Darunter sind unter anderem ein 1933 entstandenes Foto der berühmten deutschen Fotografin Marianne Breslauer und die Videoarbeit Cut Piece von Yoko Ono, in der sie sich die Kleidung vom Körper schneiden lässt.

Mehr als Narzissmus

In der Kunst war das Selfie also ein feministischer Beitrag: Frauen erhielten Kontrolle darüber, wie ihre Körper dargestellt wurden. Zum gleichen Zweck kann auch das Selfie in der Mainstreamkultur eingesetzt werden: als Beitrag von Menschen, die sich in den Bildern der Medien nicht wiederfinden und damit Einfluss zurückgewinnen wollen.

Das Selfie als Narzissmus zu interpretieren ist daher einseitig. Zwar fasste die Bloggerin Olivia Muenter ihr Instagram-Verhalten unter der Überschrift zusammen: Mein ganzes Leben ist eine Lüge – doch dass Jugendliche Bildnetzwerke nur nutzen, um eine perfekte Fassade abzubilden, stimmt nicht. Als die Sängerin Beyoncé ihr neues Album veröffentlichte, löste die Zeile "I woke up like this ... flawless" bei Fans aus, sich direkt nach dem Aufstehen selbst zu fotografieren und diese Bilder zu teilen: zerknautscht, zerzaust, ungeschminkt.

Jugendliche sind sich über den gesellschaftlichen Schönheitsdruck bereits so bewusst, dass sie beginnen, sich zu wehren. Das Internet bietet ihnen eine Chance dazu: Es ist das erste Massenmedium, das jungen Menschen ermöglicht, ihre eigenen Bilderwelten zu schaffen – und damit eine alternative Orientierung. Das Selfie dient eben nicht nur den Schönen, sondern auch den weniger Schönen. In ihren eigenen Communitys bekommen sie Bestätigung, während Heidi Klum in der Primetime einem Mädchen sagen darf, dass es fett sei.

Selfies schaffen Zughörigkeit

Wenn Teenager Soziale Netzwerke nutzen, offenbaren sie dort ihre Hoffnungen, ihre Probleme, ihre Ideen – sie nutzen es als Weg, Teil des öffentlichen Lebens zu sein und ihren Platz in der Gesellschaft zu suchen. Selfies schaffen Selbstbewusstsein und Zugehörigkeit. Wer das kritisiert oder fordert "Hört auf, euch ständig zu fotografieren", muss auch wissen, dass die Selbstfotografie, auch in ihren nackten Extremen, Einladung zu einem Tauschgeschäft ist: Welche Möglichkeiten, jenseits von Bildern gehört zu werden und mitzureden, bietet ihr an?

Ich jedenfalls würde meiner Tocher später, wenn sie erwachsen wird, gerne sagen können, dass ihre Worte wichtiger sind und mehr Aufmerksamkeit bekommen werden als ihr Aussehen. Würde ich diesen Satz heute einem jungen Mädchen mit auf den Weg geben, er wäre eine Lüge.