So muss es sich in einer Zeitmaschine anfühlen, denke ich. Ich sitze im Gerichtssaal in München und schaue von der Besuchertribüne herab auf eine trübe Vergangenheit. Hier, im NSU-Prozess, kann ich als 29 Jahre alte Ostdeutsche, als Nachgeborene der DDR, noch einmal unter das Leichentuch der Neunziger blicken. Ich erlebe ein Déjà-vu. Nicht die Angeklagten lösen es aus, nicht die Täter. Sondern die Zeugen. Die Eltern.

Die Angeklagten selbst reden nicht, logisch. Die meisten Neonazis haben nichts zu sagen, das war schon immer so. Von denen, die im Zeugenstand etwas erklären könnten, sprechen nur die Eltern. Die Böhnhardts und Mundlos’ müssen das tun, denn ihre Kinder sind nicht angeklagt. Sie sind tot.

Als ich aufwuchs, in den Neunzigern in Thüringen, waren Rechtsradikale etwas sehr Normales. Im Biologieunterricht saß ich neben einem Neonazi mit schnittiger Heinrich-Himmler-Frisur, er war der Sohn unserer Deutschlehrerin. Man konnte gut beobachten, wie unsicher und ignorant Lehrer und Eltern auf diese Kinder reagierten. Das wirkliche Problem waren nicht nur zweitausend Nazis, sondern Abertausende Gleichgültiger.

Im Prozess um den "Nationalsozialistischen Untergrund" ging es erstaunlich oft um die Erziehungsmethoden der Familien Böhnhardt und Mundlos. Wie schwer wiegt die Schuld der Eltern, die Schuld der Mütter? Waren Frau Mundlos, Frau Böhnhardt Monstermütter? Wie konnten die Jungs dieser Mütter nur so wütend werden und morden? So rätselt das Land.

Meine Mutter ist kräftig vom Traktorfahren. Sie jagte während der Ernte den Traktor gerne selbst über ihr Forschungsfeld. Meine Schwester und ich saßen dann am Rand und schauten zu. Von mir aus hätte die Zeit an der Stelle gern anhalten können.

Das Forschungsinstitut, an dem meine Mutter arbeitete, wurde 1990 sofort geschlossen. Ich spielte mal wieder mit Murmeln, als ich mit ihr im Arbeitsamt stundenlang darauf wartete, dass endlich jemand eine Tür öffnet und sagt: Herzlich willkommen im Disneyland Paris. Stattdessen trat irgendwann eine Frau aus der Tür und schrie in den Flur: Nächster, bitte, Dr. Hünniger. Sie meinte meine Mutter.

Die hat dann eine Weile Stiefmütterchenbeete in unserem Plattenbauviertel geharkt. Bald darauf wollte ein Ladendetektiv sie drankriegen, weil sie eine Packung Pelikan-Tinte geklaut hätte. Sie saß eine Weile in einem kleinen Zimmer und wurde verhört, das konnten meine Schwester und ich von der Kasse aus sehen. Ich klaute gleich ein Eis aus der Eistruhe.

Wäre ich wegen irgendeines Verbrechens angeklagt, meine Mutter würde sagen: Wir sind doch eine ganz normale Familie.

Wir haben es bei den Familien Böhnhardt und Mundlos mit gebildeten, einigermaßen wohlhabenden Leuten zu tun, die den Mauerfall offenkundig gut überstanden haben. Frau Böhnhardt Lehrerin, Herr Böhnhardt Ingenieur. Frau Mundlos Verkäuferin, Herr Mundlos Professor.

Terroristen kommen nicht selten aus bürgerlichen Haushalten. Beim NSU muss man sich aber zusätzlich fragen, ob es irgendeinen Zusammenhang zwischen den Taten der Kinder und den Schwierigkeiten der Väter und Mütter gibt, jener Eltern, die nach 1990 völlig unvorbereitet ins neue Leben stolperten. Wenn ich die Mütter der Täter auf dem Zeugenstuhl sehe, schaue ich in das Gesicht sehr vieler Mütter, die ich kenne, ich schaue auch in das abgekämpfte Gesicht meiner Mutter. Sie alle sind ganz unterschiedliche Menschen. Aber in allen Gesichtern steht die Erniedrigung. Die Müdigkeit.

Brigitte Böhnhardt saß im November 2013 im Gerichtssaal in München und gab über ihren Sohn, den Mörder, zu Protokoll: Bei uns war eigentlich alles ganz normal. Brigitte Böhnhardt ist eine unheimliche Frau. Sie, die pensionierte Lehrerin, redet vor Gericht von der ganz normalen Welt. Während ihr Sohn bereits untergetaucht war, sprach sie als Einzige hin und wieder mit dem Trio. Es gab sogar Treffen. Frau Böhnhardt erzählt, sie habe sich gedacht, Bauarbeiter, das sei ein anständiger Beruf für ihren Uwe. "Schließlich muss ja irgendjemand die Häuser der Schönen und Reichen auch bauen."

Wie kommt eine Lehrerin darauf, von den Häusern der Reichen und Schönen zu sprechen, ohne dabei vielleicht eine Bitterkeit und Ungerechtigkeit zu empfinden, die sie damals, Anfang der neunziger Jahre, offenbar auch schon gespürt haben muss? Die Reichen und Schönen. Wer sind die? Westdeutsche? Jedenfalls gehört sie offenbar nicht selbst dazu.

Unsere Eltern, also auch meine, bei dem Gedanken ertappe ich mich jetzt, sprechen oft von abstrakten Bedrohungen. Sie betrachten sich selbst allzu gerne als Geschädigte. Das Unglück wird zur höheren Macht. Unsere Eltern machten, was sie im Osten gelernt hatten: auf bessere Zeiten warten. Im Gerichtssaal fällt mir auf, wie Alien-haft die Eltern von Böhnhardt und Mundlos auf alle wirken müssen. Ich habe das Gefühl, diese Aliens, die kenne ich sehr gut. Diese Aliens aßen einen Amarenabecher im Eis-Paradies Jena und schwiegen.