Eigentlich ist Norbert Kaltbrenner ein Vorbild für die Gesellschaft, ein Mann, der sich vom Schicksal nie unterkriegen ließ. Als Teenager war der heute 39-Jährige in einen Autounfall verwickelt, seither ist er von der Hüfte abwärts gelähmt. Der Niederösterreicher begann zu trainieren, wurde Leistungssportler und nahm als Renn-Rollstuhlfahrer bei den Paralympischen Spielen teil.

Kaltbrenner heißt nicht so. Er möchte anonym bleiben, denn im Keller seines Einfamilienhauses in St. Pölten betreibt er eine kleine Marihuana-Plantage. Seit dem Unfall leidet er unter spastischen Krämpfen in den Beinen und unerträglichen Rückenschmerzen. Beides bekämpft Kaltbrenner mit Cannabis. "Ich habe schon etliche Medikamente ausprobiert, wirklich helfen kann mir nur Kiffen", sagt er. Und: "Ich würde nicht einmal meinen engsten Freunden etwas davon schenken."

Das klingt harmlos, ist es aber nicht. Sollte die Polizei einen Blick in den Keller werfen, würde ihm im schlimmsten Fall eine Gefängnisstrafe drohen. In Österreich sind nicht nur Besitz, Anbau und Handel von Cannabis verboten. Auch Schmerzpatienten, die Cannabis zu therapeutischen Zwecken konsumieren wollen, ist der Zugang zum illegalen Kraut verwehrt.

Ärzte in Tschechien dürfen Cannabis hingegen ebenso verschreiben wie deren Kollegen in Deutschland, Frankreich, Italien oder Spanien. Im US-Staat Colorado sei deshalb sogar ein regelrechter "Cannabis-Goldrausch" (Spiegel) ausgebrochen. Kurz sah es auch in Österreich nach einer Reform aus. Im vergangenen Sommer stimmten die Tiroler Sozialdemokraten für eine komplette Legalisierung. Der damalige Gesundheitsminister Alois Stöger stellte eine parlamentarische Arbeitsgruppe in Aussicht.

Mittlerweile leitet Sabine Oberhauser das Ressort. Die Arbeitsgruppe gibt es bis heute nicht, und Reformen seien auch keine geplant. "Aus gesundheitspolitischen Gründen können wir die Droge selbst für therapeutische Zwecke nicht legalisieren", heißt es aus dem Ministerium.

Tatsächlich aber wollen immer mehr Patienten Cannabis für medizinische Zwecke einsetzen. Niemand weiß das besser als Kurt Blaas, Allgemeinmediziner, Suchttherapeut und Obmann der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin. Als Blaas Ende August von einer zweiwöchigen Urlaubsreise zurückkam, konnte er die Anfragen von Schmerzpatienten, die sich in seiner Abwesenheit nach Cannabis-Medizin erkundigt hatten, kaum aufarbeiten.

Neben Blaas gibt es nur wenige Ärzte in Österreich, die Erfahrungen mit der Arznei haben. "Am wichtigsten wäre es, die österreichischen Ärzte über die erfolgreichen Therapiemöglichkeiten zu informieren. Da gibt es noch große Ängste und Hemmungen", findet Blaas. "Auch die Patienten erkennen allmählich, dass Cannabis keine böse Droge, sondern eine echte Heilpflanze ist. Es kommen ständig neue Patienten mit HIV, Krebskranke, Menschen, die unter Parkinson, dem Tourette-Syndrom oder unter ständiger Migräne leiden, zu mir."

Eine staatliche Agentur verkauft Cannabis aus Wien nach Deutschland

Blaas darf diesen Patienten Cannabis weder verschreiben noch eine illegale Anschaffung empfehlen. Stattdessen verschreibt er ihnen zwei Medikamente, welche die psychoaktive Substanz Tetrahydrocannabinol, kurz THC, enthalten und in Österreich dennoch legal sind: Sativex und Dronabinol.