Dieser Mann müsste einem unheimlich sein oder zumindest ein schlechtes Gewissen bereiten: Mit 16 hatte er seine erste eigene Firma, mit 24 ist er Technologie-Chef der Otto-Tochter Collins. Nebenbei rief Sebastian Betz auch noch eines der größten Entwicklertreffen in Europa ins Leben, die Hamburger code.talks, die an diesem Donnerstag starten.

DIE ZEIT: Herr Betz, waren Sie eigentlich schon immer ein Nerd?

Sebastian Betz: Anfangs wollte ich nur ein Unternehmen gründen. Aber ich hätte in fast allen Branchen erst mal viel Geld gebraucht, bevor ich es verdient hätte. Maschinen kaufen, Hallen mieten, Arbeiter einstellen – ein Riesenaufwand. Das Großartige an Software und Internet ist, dass man am Anfang fast nichts haben muss und alles alleine schaffen kann. Du musst nur einen Rechner besitzen und programmieren können. Also habe ich das gelernt. Ich finde, dass es einem viel bringt.

ZEIT: Was zum Beispiel?

Betz: Wer programmieren kann, entscheidet anders. Besser. Ein normaler Mensch fragt sich: Gehe ich heute ins Kino oder ins Restaurant, und macht dann, worauf er mehr Lust hat. Ein Entwickler denkt weiter: Was passiert, wenn ich ins Kino gehe? Kann ich den Film auch nächste Woche sehen? Was folgt daraus? Und so weiter.

ZEIT: Klingt anstrengend.

Betz: Nein, Programmierer machen das den ganzen Tag. Es ist wie Schachspielen. Oft findet man so eine Lösung, an die vorher keiner gedacht hat. So können Innovationen entstehen. Und damit neue Unternehmen. Techies sind gute Gründer.

ZEIT: Hamburg entwickelt sich gerade zur IT-Metropole. Dieses Wochenende kommen mehr als 1500 Softwarespezialisten zu den code.talks, kurz darauf reist sogar die Kanzlerin zum "Nationalen IT-Gipfel" an. Manche sprechen schon vom Silicon Valley am Hafen. Übertrieben?

Betz: Sagen wir, das wäre gar nicht erstrebenswert. Im Silicon Valley ist der Hype viel zu groß. Ein Entwickler bekommt dort jeden Tag sieben Jobangebote, weil viel zu wenige etwas davon verstehen. Deshalb sind die Firmen eigentlich nur noch damit beschäftigt, sich in ihrer Außendarstellung zu überbieten: Wer schmeißt die krassesten Partys, wo arbeiten die besten Masseure ... Der eigentliche Fokus bleibt auf der Strecke. In Hamburg dagegen bekommt man genug gute Leute, die man fair bezahlen kann.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der aktuellen ZEIT. Sie finden die Hamburg-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Das sehen die anderen knapp 10.000 Hamburger IT-Firmen nicht so: Laut Handelskammer betrachten mehr als 60 Prozent den Fachkräftemangel als Risiko für ihre künftige Entwicklung, mehr als in allen anderen Branchen.

Betz: Die Unternehmen müssen sich überlegen, was sie den Leuten bieten können. Und damit meine ich nicht den Porsche vor der Tür, sondern spannende Projekte, Verantwortung zu übernehmen, sich mit dem Produkt zu identifizieren, eine gute Unternehmenskultur.