Es gilt das gebrochene Wort. Erst vor wenigen Wochen habe ich mich vom Kulturjournalismus verabschiedet – und schon werde ich mir untreu. Aus Treue. Zu dem jahrzehntelangen Gefährten Siegfried Lenz. Ihm bin ich ein paar Gedanken, ein traurig-liebevolles Gedenken schuldig, weil sein Werk mich nie unberührt ließ. Sein Charakter hat es geprägt.

Am Anfang stand der Misserfolg. Da saß der 23-jährige Feuilleton-Assistent der Welt in einem "Zimmer mit Kochgelegenheit" an einem Holztisch, vor sich eine klapprige Marine-Schreibmaschine, in die hämmerte er – bei süßsaurem Linsengeruch aus der Kochecke – den Roman Es waren Habichte in der Luft . Der wurde wenig beachtet; wie der zurückhaltende Mann während seiner Lesungen bei der Gruppe 47. Er war nicht apart-somnambul wie Ingeborg Bachmann, nicht graziös wie Hans Magnus Enzensberger, nicht schon vor dem Sieg siegesgewiss wie Günter Grass. Da saß ein Mann von beharrlicher Bescheidenheit. Mit der schuf er schließlich ein Werk, das alsbald Millionen Leser in seinen Bann schlug.

Was war das Besondere an seiner Literatur? Ich habe vor langer Zeit einmal, wohl wissend, wie heikel Etikettierungen sind, die Formel "humanistischer Realismus" geprägt. Das wollte zweierlei bedeuten. Zum einen, dass hier einer, jenseits jeglicher Mätzchen, Wortgirlanden, zungenbrechender Experimente, linear erzählte; jedoch in streng gebauter Prosa von ganz eigener Musikalität. Zum anderen, dass all diese wundersamen Märchen einen Kern hatten: das Humanum.

Er hat das selber einmal (besser) formuliert: "Was sind Geschichten? Man kann sagen, zierliche Nötigungen der Wirklichkeit, Farbe zu bekennen. Man kann aber auch sagen: Versuche, die Wirklichkeit da zu verstehen, wo sie nichts preisgeben möchte." Das klingt wie ein Programm. Doch Siegfried Lenz war nie ein Autor der Manifeste. Er war jedoch ein Künstler strenger Motivketten und gedanklich-gestalterischer Prinzipien. So wusste er, dass der Begabte ein Fremdling in der Welt bleiben muss, dass diese produktive Fremdheit – geradezu eine vom Leben abtrennende Asozialität – Voraussetzung ist für jegliches Schaffen. Wenn der Schriftsteller in die Welt eingreift, dann, um sie zu verneinen. Das Missverständnis, "der Schriftsteller muss doch", weist er mit für ihn fast ungewohnter Schärfe zurück. Der wäre dann "ein Oberkellner der Zeitgeschichte, von dem wir erwarten, dass er alle Bestellungen prompt ausführt".

Fast geheimnisvoll. Denn obenhin gelesen sind ja die Romane, und nicht etwa nur der Welterfolg Deutschstunde, genüsslich zu lesen, pläsierlich gar. Doch wer lesen kann, ohne die Lippen zu bewegen, muss schlechterdings spüren: Nicht nur Dorn und Zorn regieren das Schaffen dieses Romanciers, sondern ein fast erschreckendes Prinzip – der Zweifel. Siegfried Lenz verkündet keine Wahrheiten, er glaubt auch nicht an eine irgendwo aufzufindende Wahrheit. Seine Menschen irren. Da liegt das Wundersame des schrulligen Postboten aus der Deutschstunde, da bleckt sein gelegentlich wütendes Nein zu den Zuständen der Welt hervor – in großartigen Erzählungen noch des Spätwerks, in sehr genau gearbeiteten Essays, in Äußerungen gegenüber Kollegen.

Ich erinnere mich an die Veranstaltung der Hamburger Akademie für Künste zu Ehren des verstorbenen Peter Rühmkorf, auf dem Podium neben Günter Grass und Adolf Muschg saßen Fritz Raddatz und ein so leiser Siegfried Lenz, dass es gellte. Er war es, der dem toten Lyriker die genaueste Reverenz erwies, weil er begriffen hatte, wie fein gearbeitet der Hass war. Nicht zufällig zitierte Siegfried Lenz ja gerne Metternichs Wort über Heinrich Heine: "Vortrefflich, ganz vortrefflich – muss man sofort verbieten." Tieftraurige Einsicht.

Und Traurigkeit nistet durchaus in der weit ausladenden epischen Kunst dieses Mannes, dem Trompetentöne eigentlich fremd waren, der aber doch einer präzisen Definition von Kunst fähig war. Als es in einem Gespräch mit Manès Sperber um seinen Roman Heimatmuseum ging, verteidigte Lenz seinen essayistischen Trotz als genuinen Bestandteil der Prosa: "Wenn Sie also glauben, dass Heimat eine Erfindung hochtragender Beschränktheit ist, dann möchte ich Ihnen aus meiner Erfahrung sagen, sie ist weit eher eine Erfindung der Melancholie."

Zweifel also. Der ist aber nicht Skepsis. Siegfried Lenz hatte sich stets einen Hoffnungshorizont aufgespannt. "Dennoch die Schwerter halten ..." heißt das bei Gottfried Benn. Es ist die Hoffnung, die uns jeder Künstler schenkt, weil er sie hegt – die Hoffnung darauf, die Schwärze der Welt ein wenig licht machen zu können. Und uns Liebe zu lehren, Vergebung auch.

Romane wie Das Feuerschiff oder Stadtgespräch halten diese Flamme in unser Leben. Und weil sie unserer Verzagtheit die Finsternis nehmen, sind bis hin zu den erwähnten späten Erzählungen die Texte von Siegfried Lenz auch Trostbücher. Das wird ihren Erfolg bei so vielen Lesern ausgemacht haben. So war seine Literatur, so war der Mann.

Ein Abend mit Siegfried Lenz hatte immer auch etwas Tröstliches, er nahm Kummer gleichsam von den Schultern und lud ihn sich auf. Freundlichkeit soll aber nicht mit Nettigkeit verwechselt werden. Weder im Schreiben noch im persönlichen Umgang verstand sich Siegfried Lenz als gütiger Beichtvater. Sehr spitz konnte er deklarieren, dass "Sartre in seinen politisch-philosophischen Dramen" sein Vorbild sei; und ziemlich emphatisch bekannte er, "mein Anspruch an den Schriftsteller besteht nicht darin, dass er, verschont von der Welt, mit einer Schere schöne Dinge aus Silberpapier schneidet"; vielmehr hoffe er, "dass er mit dem Mittel der Sprache den Augenblicken unserer Verzweiflung und den Augenblicken eines schwierigen Glücks Widerhall verschafft".

Wahrlich, es ist ihm gelungen. Bitter ist der Abschied von diesem Schriftsteller. Doch den Span vom Glücksbaum, den er uns in die Hand gab – den werden wir ihm nicht vergessen.