Manchmal haucht die neue Deutung wirtschaftlicher Zusammenhänge alten Ideologien wieder Leben ein. Vor zwei Generationen lieferten angebotsorientierte Wirtschaftstheorien konservativen Forderungen nach weniger Staat einen neuen wissenschaftlichen Unterbau – es war die Zeit von Stagnation und Inflation. Niedrige Steuern und geringere Staatsausgaben waren nicht mehr bloß eine politische Vorliebe, sondern wirtschaftliche Notwendigkeit.

Nun leben wir in Zeiten einer nur langsam abklingenden Wirtschaftskrise, auch in Deutschland ist die Verteilungsungleichheit eklatant. In dieser Lage verleiht Thomas Pikettys Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert einigen eher linken Forderungen ähnlichen Auftrieb. Piketty beeindruckt mit umfassenden Daten zu wachsender Ungleichheit, provoziert mit dem Anspruch, diese über eine simple Formel zu erklären, und polarisiert, indem er extrem hohe Steuern auf Spitzeneinkommen und Vermögen fordert.

Im politischen Schlagabtausch rund um das Buch, das nun auf Deutsch erscheint, gehen die eigentlich brisanten Thesen jedoch unter: Erstens, das Wachstum im 21. Jahrhundert wird nicht an das des vorherigen heranreichen; zweitens, Kapital wird Arbeit dauerhaft an Bedeutung und Einfluss übertreffen; drittens, Kapitaleigner versagen als Innovatoren. Kurz: Piketty bezweifelt, dass technologischer Fortschritt in diesem Jahrhundert das Wachstum antreiben und die Ungleichheit senken wird. Was ist dran an dieser Prognose?

"Produktivität ist nicht alles, aber auf lange Sicht beinahe alles", erklärt der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman. Wenn Produktivität nicht wächst, kann auf längere Sicht auch die Wirtschaft nicht wachsen. Genau das erwartet Piketty. Er beruft sich dabei auf den Ökonomen Robert Gordon, der anhand historischer Daten behauptet, dass die digitale Revolution Produktivität weniger beeinflusst hat als frühere Technologien wie die Dampfmaschine oder Elektrizität.

Und Thomas Piketty steht nicht allein mit seiner verhaltenen Prognose. Der Harvard-Ökonom Larry Summers sagt der Welt eine "säkulare Stagnation" voraus, der Wachstumsexperte Tyler Cowen befürchtet den "großen Stillstand", und Mohamed El-Erian, ehemaliger Chef der globalen Investmentfirma Pimco, erkannte nach der Finanzkrise die "neue Normalität" niedrigen Wachstums.

Doch nicht alle stimmen zu. Gerade ist The Second Machine Age von Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee erschienen. Die beiden Wirtschaftsforscher der Eliteuni MIT bei Boston widersprechen all jenen, die das Ende des Fortschritts kommen sehen. Die digitale Revolution werde die Produktivität grundlegend verändern, so die Autoren. Aber das dauere eine Weile, wie früher auch, als man Jahrzehnte habe warten müssen, bis etwa für die Elektrizität die richtigen Anwendungen und Strukturen entstanden seien. Wir neigen dazu, so sagte einmal Microsoft-Gründer Bill Gates, die kurzfristigen Effekte technologischen Wandels zu überschätzen – und gleichzeitig ihre langfristigen zu unterschätzen.

Pikettys zweite These ist, dass Kapitalerträge dauerhaft schneller wachsen können als die Volkswirtschaft, in der sie erwirtschaftet werden. Da Kapital ungleicher verteilt ist als Arbeit, besitzen daher im Ergebnis weniger Menschen immer mehr. Die Zahlen sprechen dafür: In den USA hat sich die Wirtschaftskraft seit den frühen Siebzigern verdoppelt, während die Mittelschicht kaum zulegen konnte. In Deutschland ist das mittlere Einkommen seit der Jahrtausendwende sogar leicht gesunken.

Ausgehend von solchen Daten, widerspricht Piketty der Aussage, dass in Wissensgesellschaften die Bedeutung von Arbeit gegenüber Kapital zunähme. Natürlich ist Humankapital wichtig, so der Autor, doch Industrie-, Finanz- und Immobilienkapital werfen mindestens genauso hohe Erträge ab. Der proklamierte Wandel vom Kapitalismus zum "Talentismus" findet nicht statt.