DIE ZEIT: Herr Aust, zu Beginn des NSU-Prozesses wurde geschrieben, jeder wisse, wer Beate Zschäpe ist, aber niemand kenne sie wirklich. Kennen wir Beate Zschäpe heute besser?

Stefan Aust: Nein. Ich sehe eine Frau, die im Gerichtssaal sitzt und sich versteckt. Ich sehe eigentlich nur ihr schmuckes langes Haar. Was ich wirklich über Zschäpe weiß, ist nicht viel – selbst nach intensiver Recherche für das Buch Heimatschutz über den NSU. Die Informationen reichen einfach nicht aus, um sich ein Bild machen zu können. Weder über die Person Beate Zschäpe noch über ihre Rolle im NSU.

ZEIT: Öffentlichkeit und Medien haben sich dennoch ein Bild gemacht.

Aust: Man hat sich da für den bequemen Weg entschieden. Was wir tatsächlich über Beate Zschäpe wissen, das ist, dass sie aus einer zerrütteten Familie kommt, zwei Katzen hatte und von Bekannten "Diddlmaus" genannt wurde. Wir wissen auch noch, dass Zschäpe beteiligt war, als die rechtsextreme Szene in den neunziger Jahren Bombenattrappen in Jena platzierte. Und dass sie die Wohnung in Zwickau bewachte, in der sie zuletzt vermutlich zusammen mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gelebt hat. Fast alles, was darüber hinaus geht, ist nur Projektion.

ZEIT: Weil die meisten sich nicht mit den Details quälen wollen?

Aust: Da ist schon etwas dran. Aber es geht nicht darum, der Gesellschaft ihr Wohlbefinden zurückzugeben, sondern darum, zehn Morde aufzuklären. Und der Aufklärung ist nicht gedient, wenn in die Person Beate Zschäpe unsere Vorstellungen von einer Terroristin hineinprojiziert werden. Im Umgang mit der RAF war das damals auch so, die einen sahen in Gudrun Ensslin die Freiheitskämpferin, die anderen eine Mörderin.

ZEIT: Gudrun Ensslin wurde als eine Art Mutter der Kompanie beschrieben, ähnlich wie heute Beate Zschäpe.

Aust: Zunächst einmal: Zwischen Gudrun Ensslin und Beate Zschäpe liegen Welten. Ensslin war das Kraftzentrum der Terrororganisation, eine Intellektuelle mit fast religiösem Sendungsbewusstsein. Davon ist bei Zschäpe nichts zu erkennen. Bei der RAF haben Frauen eine bedeutende Rolle gespielt – so wie es damals einen politischen Emanzipationsprozess gab, gab es den auch in der terroristischen Szene. Frauen, die sich für die radikale, gewaltsame Auseinandersetzung entschieden, haben ebenso zur Knarre gegriffen wie die Männer. In der rechtsextremen Szene herrscht ein anderes Gesellschaftsbild, da ist die Frau das Heimchen.

ZEIT: Der NSU wird auch Braune Armee Fraktion genannt. Sind er und die RAF vergleichbar?

Aust: Die Täter sind es nicht, die Taten schon. Da gibt es Parallelen. Sowohl bei der RAF als auch beim NSU war das Motiv für die Morde die brutale Verachtung einer bestimmten menschlichen Gruppe. RAF wie NSU haben symbolische Gewalt ausgeübt. Einen töten, Tausende treffen.

ZEIT: Über die RAF sagte man: Das sind die Kinder der Nazis, die gegen ihre Eltern aufbegehren. Sind die NSU-Täter die Wendeverlierer-Kinder?

Aust: Beides ist eine sehr deutsche Betrachtungsweise. Linken Terror hat es nicht nur in Deutschland gegeben, weil hier eine Generation mit den Taten ihrer Großväter und Väter fertigwerden musste. Linken Terror hat es weltweit gegeben – in den USA, in Großbritannien, Spanien, Irland. Der Glaube, Rechtsradikale, das seien nur die Loser der Wende, ist auch engstirnig. Die Neonazi-Bewegung ist eine internationale Bewegung, zu der unter anderem Blood and Honour und der Ku-Klux-Klan gehören. Der NSU ist ein Ableger dieser Bewegung. Die Wendeverlierer-These ist ebenso dem Versuch geschuldet, einfache Antworten auf einen komplexen Sachverhalt zu finden, wie die Vorstellung, Zschäpe sei das personifizierte Böse. Es bleiben einfach zu viele Fragen.

ZEIT: Welche zum Beispiel?

Aust: Ob Beate Zschäpe in die Banküberfälle involviert war, ob sie von den Morden wusste oder gar daran beteiligt war – das wissen wir nicht. Und auch die öffentliche Wahrnehmung von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe als unzertrennliches Trio, in dem Zschäpe eine fast mütterliche Rolle innehatte, beruht mehr auf Fantasie als auf Fakten. Unsere Gesellschaft hält es offenbar nicht aus, Fragen offenzulassen. Beate Zschäpe ist die einzige Überlebende des Trios – und sie schweigt. Also wird versucht, die wenigen gesicherten Informationen über sie zu einem Bild zu verdichten, um so die Gräueltaten besser erklärbar zu machen. Die einen nennen Zschäpe den "Teufel im Hosenanzug", die anderen das "unscheinbare Mädchen von nebenan". Das sind widersprüchliche Beschreibungen. Doch diese Widersprüche werden hingenommen, nach dem Motto: lieber irgendeine Erklärung als keine. Ein Motto, dem auch die Bundesstaatsanwaltschaft folgt.

ZEIT: Woran machen Sie das fest?

Aust: Die Bundesstaatsanwaltschaft ist erkennbar nicht daran interessiert, den NSU-Komplex als Ganzes aufzuklären. So stur, wie die Behörden lange Zeit nur in Richtung der These des Organisierten Verbrechens ermittelt haben, so stur ist jetzt die gesamte Anklageschrift einzig auf eine Verurteilung Zschäpes ausgelegt. Die Staatsanwälte haben es sich leicht gemacht: Mundlos und Böhnhardt sind tot – und tote Täter sind bequeme Täter. Übrig sind nur Zschäpe und ein paar Helfershelfer. Die will man nun drankriegen und verurteilen, damit man den Fall abschließen kann.

ZEIT: Sie glauben, dass für eine Verurteilung noch zu vieles unerklärt ist?

Aust: Ja, die zehn Morde zum Beispiel sind präzise, konzentriert und schnell ausgeführt worden, sie tragen die Handschrift eines Profis. Die Banküberfälle hingegen waren chaotisch, dilettantisch. Da sind Zweifel, ob diese Taten alle von denselben Personen verübt worden sind, mehr als angebracht. Waren also womöglich noch andere als Mundlos, Böhnhardt und vielleicht Beate Zschäpe beteiligt? Das wiederum würde bedeuten, dass Mörder immer noch frei herumlaufen. Eine andere Frage: Warum sind Böhnhardt und Mundlos zu ihrem 14. Banküberfall gefahren und hatten in ihrem Fluchtauto, dem weißen Camper, die Paulchen-Panther-DVD dabei, auf der alle Morde dokumentiert waren? Warum haben sie dieses Beweisstück nicht in der Zwickauer Wohnung verwahrt? Ich glaube, der Verfassungsschutz könnte manch offene Frage aufklären, denn ich bin überzeugt: Er weiß mehr, als er zugibt.