Schlachtet der IS eine westliche Geisel – jetzt die vierte – vor laufender Kamera, befeuern die Echtzeit-Bilder das weltweite Entsetzen. Wer trotzdem noch Zweifel an dem moralischen Fundament des Krieges gegen das Terror-Kalifat hat, kann über die muslimischen Opfer in dem gerade erschienenen Bericht der UN nachlesen. Er trägt den sterilen Titel Report on the Protection of Civilians in Armed Conflict in Iraq, 6 July–10 September 2014.

Beginnen wir mit dem Sklavenmarkt. Bis Ende August hatte der IS 2.500 Menschen entführt, hauptsächlich Frauen und Mädchen. In Mossul hat der IS ein regelrechtes "Handelskontor" eröffnet. Die "Ware" trägt Preisschilder. Der IS verdient doppelt: am Erlös, dann am politischen Ertrag, geben doch die Frauen einen "Anreiz" für die Kunden her, sich dem IS anzuschließen. Bewährte IS-Soldaten kriegen die schiitischen, jesidischen und christlichen Gefangenen gratis – nach deren erzwungenem Übertritt.

Es geht weiter im Bürokratie-Sprech der UN: "Direkt und systematisch hat der IS die Menschenrechte verschiedener ethnischer und religiöser Gemeinschaften grob verletzt." Dazu gehören "Mord, Vergewaltigung, Zerstörung religiöser oder kultureller Stätten " sowie eine "systematische Unterdrückungs-, Säuberungs- und Vertreibungspolitik".

Mindestens 24.015 Zivilisten seien in den ersten acht Monaten dieses Jahres im Irak umgebracht oder verwundet worden – also seit Beginn der IS-Offensive. Allein im Zeitraum von Juni bis August hat die UN 11. 159 zivile Opfer gezählt. Said Ra’ad al-Hussein, der Hochkommissar für Menschenrechte, verkündet, manche IS-Untaten könnten auf "Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschheit hinauslaufen".

Lang jedenfalls ist die Liste, die das UN-Büro in Bagdad aufgestellt hat: "Hinrichtungen und gezielte Tötungen von Zivilisten, Entführung, Vergewaltigung und Gewalt gegen Frauen und Kinder ...". Besonders beliebte Ziele sind Lokalpolitiker, Geistliche, Ärzte, Lehrer und Journalisten. Die Liquidierung einflussreicher Schichten ist ein untrügliches Anzeichen für die totalitäre Unterwerfung, wie sie einst von Hitlers und Stalins Schergen in den eroberten Gebieten praktiziert wurde.

Zu den klassischen Mitteln gehört auch der demonstrative Terror gegen Einzelne. Am 31. August wurde ein 31-Jähriger öffentlich wegen "Ehebruchs" gesteinigt. Am 31. Juli exekutierte der IS sogar einen Sunni-Imam, der den IS angeprangert hatte. Ein Kollege wurde hingerichtet, weil er dem IS die Treue verweigert hatte. Wer nicht abschwört, stirbt. So geht es seitenlang weiter in dem UN-Report – mitsamt unzähligen Leichen, die in alter Saddam-Manier verscharrt oder in den Tigris geworfen wurden.

Der Bericht endet mit hehren Empfehlungen, die das Wünschenswerte voraussetzen, etwa, dass die "Konfliktparteien alles tun müssten, um Zivilisten zu schützen". Leider beißt sich das Gute mit dem Bösen, das auf 26 Seiten ausgebreitet wird. Für den totalitären Terror sind zivile Opfer kein "Kollateralschaden", sondern Prinzip. Der Weg ist das Ziel, weshalb dem IS der Weg abgeschnitten werden muss. Dass die absonderliche Koalition des Westens und der islamischen Staaten wächst, ja selbst die UN ungewohnt deutlich sprechen, zeugt von einer Einsicht, die in der Nachkriegszeit ohne Beispiel ist.