Ebola, IS-Terror, Ukraine, Libyen, Afghanistan, Mali – die Liste an Krisen und Kriegen ist lang. Deshalb ist es höchste Zeit, Prioritäten zu setzen: Wo soll man eingreifen, wo helfen? An allen Krisenherden gleichzeitig präsent zu sein, das überfordert die Kräfte der internationalen Gemeinschaft. Nur als Beispiel: Die UN haben diese Woche bekanntgegeben, dass sie die Nahrungsmittelhilfe für die syrischen Kriegsflüchtlinge um 40 Prozent kürzen müssen. Es gebe zu viele Krisen auf einmal zu bewältigen, dafür reiche das Geld nicht mehr aus.

Was also ist für die Welt bedrohlicher: das Ebola-Virus oder der IS-Terror, die ukrainischen Separatisten oder die libyschen Stämme?

Der IS beherrscht in diesen Tagen die Schlagzeilen, weil er mit äußerster Brutalität und großer propagandistischer Geschicklichkeit vorgeht. Je hemmungsloser die IS-Milizen töten, desto wichtiger und gefährlicher erscheinen sie uns. Sie wollen mit terroristischer Gewalt ein Kalifat errichten. Und der Westen fühlt sich bedroht, auch weil viele, die jetzt für den IS im Irak und in Syrien kämpfen, aus Europa kommen.

Die Separatisten im Osten der Ukraine wollen vermutlich irgendetwas zwischen Autonomie und Abspaltung, gewiss aber stehen sie unter der Kuratel ihres Herrn in Moskau. Auch wenn Wladimir Putins Absichten schwer zu durchschauen sind, darf man ihm doch unterstellen, dass er weiß, was er will. Und die Europäer sind entsetzt, weil der Krieg ihnen plötzlich so nahe kommt.

Die libyschen Stämme sind einfacher auszurechnen. Sie wollen in aller Ruhe ihren kriminellen Geschäften nachgehen, dem Menschenhandel vor allem. Niemand soll sie dabei stören. Und in Europa ist man fassungslos, denn das waren doch die Libyer, die man gestern noch vom Joch des Diktators befreit hatte. Und nun verfrachten libysche Menschenhändler Zehntausende Flüchtlinge auf Kähne, Richtung Lampedusa, wo viele nie ankommen werden, weil sie unterwegs ertrinken.

Der IS, Separatisten, Menschenhändler – sie alle haben Absichten. Das Ebola-Virus hingegen hat weder eine politische Strategie noch eine Idee, auf die man einwirken könnte. Es ist eine absichtslose Erscheinung der Natur mit tödlicher Wirkung auf den Menschen. Das Virus tötet in den Straßen von Monrovia mit unheimlicher, beiläufiger Grausamkeit. Rund 3.400 Menschen sind in Westafrika inzwischen an Ebola gestorben, mehr als 7.000 sind infiziert. In Liberia verdoppelt sich die Infektionsrate alle 15 bis 20 Tage. Das amerikanische Center for Disease Control and Prevention schätzt, dass es im schlimmsten Fall bis Anfang kommenden Jahres 1,4 Millionen Infizierte geben könnte.

Wer glaubte, dass das Virus sich auf Westafrika beschränken ließe, wurde diese Woche gleich mehrfach eines Besseren belehrt. Im texanischen Dallas ist das Virus bei einem Mann diagnostiziert worden. Und in Madrid hat sich eine Krankenschwester infiziert. Das ist die allererste Infektion in Europa, ein wahrhaft historisches Ereignis. Bis gestern noch hieß es, es sei kaum vorstellbar, dass das Virus bis zu uns kommen wird. Und wenn doch, dann könne man es kontrollieren. Das ist offenbar nicht der Fall, denn die spanische Krankenschwester hat sich in einem für Viruserkrankungen hoch spezialisierten Krankenhaus infiziert.