DIE ZEIT: Bei einem Gespräch ist es hilfreich, den Namen seines Gegenübers zu kennen. Ich habe aber keine Ahnung, wie ich Sie ansprechen soll.

Naked Handstander: Nennen Sie mich einfach "The Naked Handstander" – das beschreibt genau, was ich tue: Ich ziehe mich aus und mache einen Handstand, die Bilder kann man im Netz sehen. Trotzdem will ich anonym bleiben und weder meinen Namen noch meine Nationalität verraten. Der Kamera zeige ich immer nur den Hintern, nie das Gesicht. Sonst könnte es etwa an der Supermarktkasse zu seltsamen Gesprächen kommen.

ZEIT: Ihre Fotos machen Sie nicht irgendwo, sondern am liebsten vor Sehenswürdigkeiten. An Stränden, vor Fjorden und berühmten Skylines.

Naked Handstander: Ich reise viel, halb privat, halb beruflich. Ich bin in der Internetbranche und brauche eigentlich nur einen Netzanschluss zum Arbeiten – deshalb ziehe ich los, wann immer ich kann.

ZEIT: Den meisten Exhibitionisten reicht der Kick des Augenblicks. Warum stellen Sie Ihre Bilder auch noch online?

Naked Handstander: Meinen ersten nackten Handstand habe ich vor fünf Jahren gemacht, als ich mit einer Freundin am Strand im Süden Islands rumalberte, sie knipste das. Das Foto fand ich ziemlich witzig, es wäre egoistisch gewesen, es nur für mich zu behalten. Dann kam mir die Idee, dass ich die Aufmerksamkeit nutzen könnte, die solche Bilder bekommen. Um auf Probleme hinzuweisen, über die wir kaum sprechen. Ich war schon immer bemüht, meinen ökologischen Fußabdruck zu minimieren. Und mit den Handständen will ich nun das Bewusstsein stärken, dass wir mit unserer Wegwerfgesellschaft auf dem falschen Weg sind.

ZEIT: Ihre Motive in Ehren – aber was bitte haben nacktes Turnen und Ökologie miteinander zu tun?

Naked Handstander: Der Vergleich hinkt vielleicht, aber: Wenn wir so weitermachen, werden wir eines Tages nackt aufwachen, wenn alle Rohstoffe aufgebraucht sind. Und um das zu verhindern, müssen wir unsere Lebensweise auf den Kopf stellen.

ZEIT: Mit dem Flugzeug um die Welt zu jetten fällt aber nicht gerade unter nachhaltiges Verhalten.

Naked Handstander: Erwischt! Niemand ist perfekt. Aber wenn ich auf einem Esel reiten oder per Anhalter reisen würde, dann brauchte ich ja 200 Jahre, um meine Message zu verbreiten. So viel Zeit haben wir aber nicht mehr, fürchte ich.

ZEIT: Sie sehen sich also als eine Art Ein-Mann-Version von Femen mit ökologischer Mission?

Naked Handstander: Das waren diese Frauen aus Osteuropa, oder? Warten Sie, ich google die kurz ...

ZEIT: Bei Femen protestieren junge Frauen mit blanker Brust, unter anderem gegen Chauvinismus.

Naked Handstander: Oh, wow! Die Mädchen sehen ja fantastisch aus! Puh, ich weiß nicht, ob ich mich mit denen in eine Reihe stellen darf. Aber natürlich: Die Menschen werden jeden Tag mit so viel Inhalten überschwemmt, um da durchzudringen, muss man etwas Besonderes machen. Und nackte Busen oder nackte Männer im Handstand scheinen sich die Leute zu merken. Wenn ich mit Kleidern herumturnen würde, würde das keinen interessieren.

ZEIT: Nun ist nur zu befürchten, dass sich die meisten Menschen mehr mit den Brüsten von Femen befassen als mit Ihren Anliegen.

Naked Handstander: Mir ist klar, dass bei mir die meisten kurz lächeln und sich dann zum nächsten Facebook-Post klicken. Aber wenn nur ein paar auf meine Homepage gehen, die Texte lesen, die ich dort online gestellt habe, und sich mit dem Thema auseinandersetzen, habe ich schon etwas erreicht. Und das klappt auch, wie ich an der Fanpost merke.

ZEIT: Bekommen Sie viele Mails?

Naked Handstander: Schon ein paar. Manche sind etwas schräg, neulich schrieb mir eine Deutsche und lud mich ein, ihren "geheimen Garten" zu besuchen. Ich war mir nicht sicher, was das heißen sollte, sie hat dann Bilder geschickt. Nun ja, die Formulierung war eher eine Metapher...

ZEIT: Was fasziniert uns so an der Nacktheit, warum bringt sie so viel Aufmerksamkeit?

Naked Handstander: Ich weiß es nicht, darüber wundere ich mich auch. Wenn Sie sich überlegen: Kinder und Heranwachsende dürfen Gewaltvideospiele zocken und Splatterfilme gucken. Nacktheit hingegen soll in der Öffentlichkeit nicht vorkommen. Aber davon nimmt doch keiner Schaden – im Gegenteil, Menschen ohne Kleider sind meist sehr friedfertig. Wir betrachten immer noch etwas als Tabu, das am Anfang von unser aller Leben stand.

ZEIT: Gleichzeitig reizt es viele Menschen, das Tabu zu brechen. Warum ziehen Sie sich aus?

Naked Handstander: Nun ja, man fühlt sich ohne Klamotten ziemlich frei. Das klingt abgedroschen, stimmt aber wirklich. Probieren Sie es aus! Das Gefühl hält zwar nur kurz an, weil man ja nie wirklich lange nackt ist – obwohl, das kommt darauf an, was man so beruflich macht.

ZEIT: Dieses Gefühl der Freiheit scheinen viele im Urlaub zu suchen. In Machu Picchu in Peru legen so viele Touristen Strips für ihre Urlaubsfotos hin, dass Kulturministerium und Polizei verzweifeln.

Naked Handstander: Wow, sind wir sogar eine Bewegung? Nein, im Ernst: Urlaub ist eine besondere Zeit, in der macht man eben außergewöhnliche Sachen. Man bricht aus seinem normalen Leben aus, und Nacktsein ist eben der radikalste Bruch mit dem Alltag, es sei denn, man ist eine Art Profi-Nudist. Die Welt auf eine andere Art kennenzulernen und mit Bildern davon andere Menschen zum Schmunzeln zu bringen – wunderbar!

ZEIT: Viele Fotos haben Sie in nordischen Ländern aufgenommen. Ist es da für Nackte nicht zu kalt?

Naked Handstander: In den letzten Jahren war ich eben viel in Skandinavien unterwegs. Meine Gene stammen aus dem kalten Norden, ich kann mich überall ausziehen, ohne zu frieren.

ZEIT: In der Natur gibt es nur wenige Passanten, in den Städten ist das anders. Wie reagieren die?

Naked Handstander: Ich versuche, großes Aufsehen zu vermeiden, und mache die Bilder meistens am frühen Morgen, wenn wenige Leute unterwegs sind. Ich baue ein Stativ auf oder drücke die Kamera einem Freund in die Hand. Ziehe mich aus, mache den Handstand. Das geht sehr schnell. Die meisten Menschen, die mich in Aktion entdecken, lachen. Manche applaudieren sogar!

ZEIT: Regt sich niemand auf?

Naked Handstander: In Amsterdam haben mich zwei Polizisten erwischt, die fanden das nicht so lustig. Auf der Wache brüllte mich ihr Chef an: "Ich setze Sie jetzt mit einem Arschtritt auf die Straße – aber nur, wenn Sie mir versprechen, sich nie wieder in unserer Stadt ausziehen!"

ZEIT: Wie peinlich.

Naked Handstander: Es geht aber noch schlimmer: Nach meinem Handstand in Rom hat mich eine Zivilstreife festgenommen. Auf dem Revier hatte ein kleiner Inspektor leider nichts Besseres zu tun, als meinen Fall so richtig ernst zu nehmen. Da läuft jetzt ein Verfahren gegen mich, glücklicherweise mahlen die Mühlen der Justiz in Italien recht langsam. Ich habe lange nichts mehr von dort gehört ...

ZEIT: Bekommt man – abgesehen von Einblicken in Polizeiwachen – eigentlich eine andere Sichtweise auf fremde Länder, wenn man sie auf dem Kopf stehend betrachtet?

Naked Handstander: Nicht wirklich. Um die Balance zu halten, legt man im Handstand den Kopf in den Nacken, deshalb gucke ich meist auf den Boden. Das ist zwar eine Perspektive, die man sonst nur selten hat – aber abgesehen vom Blutstau im Kopf ist sie nicht wirklich überwältigend.