DIE ZEIT: Sie haben gerade Ihre ersten Absolventen aus dem Pflegestudium in den Markt entlassen, Frau Friedrichs. Mit welchem Gefühl?

Anne Friedrichs: Mit einem sehr guten. Der überwiegende Teil hatte bereits vor dem Abschluss einen Arbeitsvertrag. Einen Wermutstropfen sehe ich allerdings: Es gibt noch keine Garantie, dass unsere Absolventen auch ihren Qualifikationen gemäß eingesetzt werden.

ZEIT: Herr Westerfellhaus, Sie haben vor 30 Jahren selbst als Krankenpfleger gearbeitet. Was hat sich seither geändert?

Andreas Westerfellhaus: Das waren völlig andere Zeiten, damals. Die Pflege war ein reiner Assistenzberuf, und wir standen in der Hierarchie klar unter den Ärzten. Inzwischen hat sich die Pflege als Profession weiterentwickelt und an wissenschaftlicher Fundierung gewonnen. Jetzt wollen die Pflegenden ihre neuen Kompetenzen einsetzen. Leider stoßen sie damit an die Grenzen der Realität: Berufsrechtlich ist noch nicht geklärt, welche Tätigkeiten sie ausüben dürfen. Das führt zum täglichen Krach zwischen Pflegern und Ärzten: Welche Aufgaben sind den Medizinern vorbehalten? Welche werden lediglich an die Pfleger delegiert, für welche tragen sie komplett die Verantwortung?

ZEIT: Welche Tätigkeiten meinen Sie konkret?

Westerfellhaus: Zum Beispiel die Versorgung chronischer Wunden. Als Wundmanager besitzen Pfleger heute auch die Qualifikation, zu entscheiden, welche Wundauflage anzuwenden ist – aber sie dürfen es nicht. Stattdessen müssen sie den Patienten aus rechtlichen Gründen an den Hausarzt verweisen, der womöglich gar keine Ahnung hat. Hier fehlt es nach wie vor an gesetzlichen Grundlagen.

ZEIT: Trotzdem hat der Wissenschaftsrat empfohlen, das Ausbildungsniveau in der Pflege anzuheben und Studiengänge einzuführen. Sie haben an diesem Papier mitgewirkt, Frau Friedrichs.

Friedrichs: Die Aufgaben in der Pflege sind zu komplex geworden, als dass sie allein von praktisch ausgebildeten Fachkräften bewältigt werden können. Hier bedarf es der Unterstützung durch akademisch qualifiziertes Personal. Zudem gibt es Forschungslücken, die dringend geschlossen werden müssen.

ZEIT: Ist Forschung nicht Sache der Mediziner?

Friedrichs: Die Medizin beschäftigt sich vorrangig mit Themen, die ihr eigenes Arbeitsfeld betreffen. Das Thema Wundmanagement aber, um bei dem Beispiel zu bleiben, ist eine klassische Pflegeaufgabe und wird daher in der medizinischen Forschung nicht ausreichend berücksichtigt. Dafür ist die Motivation von Pflegenden umso höher, sich auch wissenschaftlich mit Problemstellungen auseinanderzusetzen, die ihnen in ihrer täglichen Arbeit begegnen.

ZEIT: Trotzdem stehen die Ärzte der Akademisierung der Pflege skeptisch gegenüber. Können Sie diese Sorge verstehen?

Westerfellhaus: Nein, überhaupt nicht! Letztendlich haben wir doch ein übergeordnetes Ziel: die Patienten in Deutschland möglichst gut zu versorgen. Wenn wir aufgrund der demografischen Entwicklung in Zukunft noch mehr Pflegebedürftige haben, brauchen wir dringend neue Lösungen. Die Rahmenbedingungen, unter denen Pflegekräfte täglich arbeiten, müssen erheblich verbessert werden. Dafür muss das derzeitige System komplett aufgebrochen werden.

Friedrichs: Ich kann die Sorge der Ärzte schon nachvollziehen. In einem so hochkomplexen Mechanismus wie dem Gesundheitssystem ist es schwierig, wenn einzelne Akteure neue Wege beschreiten. Da müssen für alle beteiligten Berufsgruppen völlig neue Konzepte erarbeitet werden.

Westerfellhaus: Sich zusammen an einen Tisch zu setzen, das ist eine schöne Vorstellung. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus: Bereits 2007 hat ein Sachverständigengutachten empfohlen, die Aufgaben im Gesundheitswesen neu zu verteilen. Alle Berufsgruppen haben sich dem angeschlossen – bis auf die deutsche Ärzteschaft.

ZEIT: Welche Lösung sehen Sie?

Westerfellhaus: Wir brauchen Druck durch die Politik, um zu einer Einigung zu kommen. Die Verweigerungshaltung können wir nicht selbst aufbrechen. In einer Sache muss ich den Ärzten allerdings recht geben: Wenn sie Verantwortung an die Pflegenden abgeben, müssen sie auch sicher sein können, dass die entsprechend dafür ausgebildet sind.

ZEIT: Ihre Absolventen sind das bereits, Frau Friedrichs. Wie werden sie derzeit eingesetzt?

Friedrichs: Viele arbeiten auf klassischen Pflegerstellen, wie auch ihre Kollegen ohne akademische Ausbildung. Eigene Positionen für Pflegebachelors gibt es noch nicht, jedenfalls nicht in großer Zahl. Einige Kliniken fördern unsere Absolventen aber individuell, andere haben es zur Aufgabe innerhalb ihrer Personalentwicklung gemacht, Stellen für Akademiker in der Pflege zu schaffen. Das Thema wird je nach Einrichtung ganz unterschiedlich gehandhabt.

Westerfellhaus: Was wir daher dringend brauchen, ist ein Berufsgesetz, das alle Niveaus im Pflegebereich, von der Assistenz mit der einjährigen Ausbildung bis zum Master neu ordnet.

Friedrichs: Wie groß die Unsicherheit bei der Einstufung derzeit ist, sehen Sie bereits an den Namensschildern, die die Kliniken unseren Studenten im Praxissemester geben. Auf manchen steht "Studentin", an anderen Häusern heißt es "Pflegeschülerin".