Maxim Biller ist bekannt dafür, dass er gerne provoziert, wogegen nichts einzuwenden wäre, wenn die Provokationen seines jüngsten Artikels in der ZEIT (Nr. 41/14) nicht dermaßen haarsträubend wären, dass sie nach einer Replik schrien – selbst für diejenigen, die wissen, dass es kaum eine undankbarere Aufgabe gibt, als in Debatten über das Verhältnis zwischen Juden, Israel und Antisemiten einzusteigen.

Neben der unbestreitbaren, aber nicht gerade originellen Feststellung, dass Israel-Kritiker oft von antisemitischen Ressentiments getrieben seien, geht es Biller darum, seine eigene Nähe zu Israel demonstrieren. Oder eben gerade nicht: Er kritisiert den Präsidenten des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, ja gerade dafür, dass er die Nähe zu Israel als Mittel zur Distanzwahrung benutzt. Stattdessen will Biller die Innigkeit seiner Beziehung zu Israel betonen, denn Israel beschütze alle Juden, auch diejenigen, die nicht in Israel leben. Diese Innigkeit sollte man genauer prüfen.

Kein Israeli würde einen Aufsatz mit so zahlreichen philo- beziehungsweise antisemitischen Stereotypen versehen, wie es Biller tut. Die armen und dummen Menschen, die in Israel wie in jedem Land der Welt haufenweise anzutreffen sind, widerlegen die alten Klischees von der Überlegenheit des jüdischen Umgangs mit Geld und Geist. Insofern hat Israel wenigstens einen zionistischen Traum erfüllt, nämlich ein Land aufzubauen, in dem Juden Menschen wie alle andere sind, samt eigener Polizei und Prostituierten. Gegen die Fantasie, die Juden seien besser im Bett, erzählen Israelis höchstselbst ihre Witze: Warum ist israelischer Geschlechtsverkehr so kurzweilig? Weil der eigentliche Höhepunkt der Moment ist, in dem der Mann seinen Kumpels davon erzählt.

Doch geht es hier weder um Witz noch um Größenwahn. Billers Bekenntnisse sind Bekenntnisse von Juden, die alljährlich einige Wochen in Israel verbringen, um zu Hause davon zu schwärmen. Dennoch sind die dortigen Unzulänglichkeiten auch für Urlauber unübersehbar. Selbst während eines Waffenstillstands ist das Leben nicht besonders angenehm in einem kleinen, überfüllten Land, das tagtäglich den Widerspruch verdrängt, einerseits von Feinden umringt zu sein und andererseits als Kolonialmacht zu agieren. Als Ersatz dafür, in Israel zu leben, fühlen sich solche jüdischen Urlauber verpflichtet, für das Land zu werben und jedwede Ansicht der jeweiligen Regierung – mag sie auch unter Israelis heillos umstritten sein – kritiklos herauszuposaunen. Gerade weil ausländische Unterstützung für die Fortsetzung der israelischen Politik so wichtig ist, müssten Diaspora-Juden jedoch wenigstens so viel Kritik dieser Politik wagen, wie sie jeden Tag in liberalen israelischen Zeitungen zu lesen ist. Billers Neigung, solche Kritik als "typische Kapitulations- und Stress-Syndrome" abzuwerten, setzt Häme an die Stelle des Denkens.

Leider kommen Billers Auffassungen auf eine bestimmte Weise dem heutigen israelischen Denken zunehmend nahe. Anstatt den Nahostkonflikt als politisches Problem zu verstehen, werden ethnische Kategorien immer mehr in den Vordergrund gerückt. Der Drang, jede Kritik an Israel als antisemitisch abzuwerten, ist nicht nur ein Mittel, um vernünftige Kritik abzubiegen, sondern auch eine Methode, politische durch rassische Begriffe zu ersetzen. Natürlich werden die Grenzen zwischen ethnischen und politischen Kategorien auch ständig von der anderen Seite verwischt: Niemand bezweifelt, dass auf Juden oft geschimpft wird, wo eigentlich die Politik der israelischen Regierung gemeint sein sollte. Doch müssen wir die gleichen Fehler machen wie die Antisemiten?

Wie sein geschätzter Beschützer Netanyahu will Biller die Welt einteilen in Juden, die "die Moral in die Welt gebracht haben", und Nichtjuden, die "nicht genug kriegen können von ihrer monomanen und sehr monotonen Abneigung gegen die Juden". Wenn er Letzteres wirklich glaubt, ist sein Ausharren in der Diaspora ein Rätsel. Wenn er es jedoch nur als Provokation schreibt, missbraucht er die Menschen, die ihm ein angenehmeres Leben ermöglichen, als es in Tel Aviv möglich wäre.

Gibt es unter diesen Menschen – dem Bäcker, der sein Brot backt, dem Polizisten, der ihn vor Terror schützt, dem Verleger, der seine Bücher produziert –, gibt es unter ihnen oder bei anderen, denen er im Lauf eines Tages in Berlin-Mitte begegnet, nicht doch Antisemiten? Ohne Zweifel. Ich kenne mehrere, und um deren Vorurteile zu spüren, muss ich nicht einmal warten, bis sie betrunken sind. Doch bin ich nicht von Tel Aviv nach Berlin gekommen, um Antisemiten zu zählen. Viel interessanter finde ich diejenigen, die sich mit der antisemitischen Geschichte ihres Landes auseinandergesetzt haben, um zu anderen Weltbildern zu gelangen. Ist der Prozess der Auseinandersetzung abgeschlossen? Wahrscheinlich nie. Bleibt nicht ein Rest nationalsozialistischen Gedankenguts hängen? Bestimmt oft. Aber wer will schon behaupten, er habe sich von seiner Erziehung völlig befreit?