Zu berichten ist dann noch von der Literaturwoche in Tellingstedt, Dithmarschen, Heimstatt der Buchsbaumplastik, des Schmiedeeisens und des frühen Zubettgehens. Um elf verlischt das Straßenlicht, dann flackern allein die Flachbildschirme hinter den Wohnzimmerfenstern. Frage an die Frau von der Tankstelle, was hier abends so los ist? "Oh", sagt sie. "Schwierige Frage. – Weiß ich jetzt gar nicht."

Ein Dorf ohne Buchhandlung, Schauplatz eines Buches: Die Schule der Atheisten. Erschienen 1972, aber Arno Schmidt hatte es gefallen, die Novellen=Comödie in 6 Aufzügen als Science-Fiction-Posse anzulegen. Die Handlung hebt an "am Fuße des 7. Oktober 2014", weshalb ihr jetzt Aktualität zuwächst: Die Gegenwart holt die Zukunft ein.

Also eine Woche für Arno Schmidt (1914 bis 1979) am Ort des Geschehens. Hier der Meister der Freischreibweisen, dort eine Haus- und Hof-Ansammlung mit 2.600 Seelen, die ihre Antennen in den Himmel richten. Wie ein Außerirdischer landet Schmidt in Tellingstedt: "Heutzutage muß man ja drauf gefaßt sein, daß eines schönen OktoberMorgens die RaumSonde, aus fernen Systemen, im Gartn steht; dem KompostHaufn BodnProbm entnimmt; und dann unverzüglich heim berichtet: ›ein Planet, ganz aus Mist!‹ "

Geht das gut? Ja, da Tellingstedter sich das (mit) ausgedacht haben. Nein, da die meisten Tellingstedter den Veranstaltungen fernbleiben, unwissentlich einer Einsicht folgend, die Schmidt auf der 93. von 300 offroadigen DIN-A3-Seiten formuliert hat: "Für Jedn, der bloß rumsitzn & sich=ammüsiern will, muß ein andrer armer Mensch dopplt arbeitn."

Das Amüsement ist da. "Nachts, gegen 2 Uhr", wie geschrieben, beginnt am Dienstag die Lesung der "ersten Scene" vor 30 Müßiggängern. Der Rendsburger Buchhändler Patrick Goeser führt ins Geschehen ein: Die Welt liegt in Trümmern, nur die Vereinigten Staaten und China sind als Großmächte übrig geblieben. Die USA haben sich nach dem Dritten Weltkrieg in eine matriarchalische Präsidialdiktatur verwandelt. Sie halten Dithmarschen als Überseeterritorium und Reservat. Nun wird das labile Gleichgewicht durch das Auftauchen von Außerirdischen gestört. In Tellingstedt setzen sich Amerikaner und Chinesen zusammen, um der Bedrohung Herr zu werden. Die US-Außenministerin heißt Nicole Kennan. Und wie mit Spitznamen? Man glaubt es kaum: Isis.

Über aller Düsternis entfalten die Tellingstedter Arnonauten Schmidts skurrilen Humor. Es gibt Dudelsack-Musik zu Rübenmus und Dithmarscher Pils und einen Spaziergang zum Gasthof Zur Traube, um im Schein von Taschenlampen eine stählerne Gedenkplakette anzuschrauben. Denn hier im ersten Stock, im Erkerzimmer, hat das Ehepaar Schmidt vom 23. auf den 24. Juni 1969 einmal übernachtet. Sie sah es als Geschenk, er als Recherche.

Gestützt auf Alice’ Tagebucheinträge, malt sich der im nahen Östermoor lebende Schriftsteller Heiner Egge laut aus, wie es war: "Arno Schmidt blickte auf die Uhr. Punkt fünf. Er weckte seine Frau, denn sie hatte heute Geburtstag: Herzlichen Glückwunsch und alles Gute. Sie blickte ihn mehr als verschlafen an. Es war ihr 53. Geburtstag; sie hätte gern noch ein bisschen weitergeschlafen."

Das Frühstück fällt aus, weil im Saal jemand sitzt, was Arno nicht erträgt. "Tapfer schritten sie in den frühen Morgen hinaus. Ein paar Ureinwohner begegneten ihnen, absichtlich: Was will dieses fremde Paar bei uns, wat wullt de in uns Dörp, he kiekt uns veel to genau, darbi is bi uns doch nu rein gar nix to sehn! Moin, moin. Un denn, denn schrifft he allens op in sien Zettelkram."

Die beiden Zettelkästen zur Schule der Atheisten seien leider nicht erhalten, sagt der Hamburger Deutschlehrer Heiko Thomsen, der eigentlich nur eine Woche Urlaub in Tellingstedt machen wollte, um das Riesenbuch zu lesen. Dann fand er sich im Organisationsteam wieder. Goeser, Egge, Thomsen und die Tellingstedter Volkshochschule machen aus der Woche mehr als nur Schmidt. Denn der kam einst her, weil er sich für den umstrittenen Gustav Frenssen interessierte und für Jules Verne, der mit seiner Zwölfmannjacht 1881 von Tönning über tausend Schleusen nach Kiel fuhr. Und dann ist da ja noch Theodor Storm.

So stehen Ausflüge auf die Eider, nach Friedrichstadt, Husum, Meldorf, Heide, Barlt neben Ausstellungsbesuchen und Dithmarscher Mehlbeuteln unter zerlassener Butter. Mit dem Lokalhistoriker Ulf Meislahn geht es, um all das zu verdauen, zu Fuß zwölf Kilometer von Süderholm nach Tellingstedt, Klaus Groth nach, jenem Dichter, der dem Plattdeutschen im 19. Jahrhundert die Lyrik schenkte. Lütt Matten de Has – das kennt in Tellingstedt jeder.