DIE ZEIT: Die ganze Welt spricht alarmiert über Ebola, aber aus Afrika, wo die Epidemie immer mehr Opfer fordert, ist fast nichts zu hören. Woran liegt das?

Achille Mbembe: Die westlichen Hilfsorganisationen und ihre militärischen Unterstützer handeln so, wie Notärzte es tun, ständig mit höchster Dringlichkeit. Bei Notarzteinsätzen reden die Kranken nicht. Aber es kommt hinzu: In Liberia sind 3000 amerikanische Soldaten eingetroffen. Auch dieser militärische Charakter des Hilfseinsatzes lässt die Menschen vor Ort still werden. Wo Waffen und Uniformen sind, herrscht in der Zivilbevölkerung bald Schweigen.

ZEIT: Das klingt allerdings, als sei diese humanitäre und medizinische Hilfe im Kampf gegen Ebola nur ein Militäreinsatz, vergleichbar etwa der Intervention der Franzosen gegen den islamistischen Terror in Mali.

Mbembe: Die Diskussion um Ebola wird zurzeit rein medizinisch und epidemiologisch geführt. Das bedeutet auch, Afrikas politische Selbstbestimmung und seine kulturelle Vielfalt unter den Tisch fallen zu lassen. Dabei ist dieser Kontinent gegenwärtig im Aufbruch, die Afrikaner wollen endlich den Status des Opfers hinter sich lassen, sie wollen sich als freie Menschen erfinden und sich als verantwortlich erweisen. Afrika ist auf dem Weg, der Welt das neue Gesicht einer afrikanischen Modernität zu zeigen. Ein Meilenstein ist der Sieg über die Apartheid 1994 gewesen, ein Sieg aus eigener Kraft. Jede Intervention, die von außen kommt, ob sie nun militärisch oder zivil ist, liefert aber einen Nachweis, dass die Afrikaner nicht in der Lage sind, ihre Probleme selbst zu lösen.

ZEIT: Sie meinen, es wäre klüger, in der Not gar nicht zu helfen?

Mbembe: Natürlich spreche ich mich nicht prinzipiell dagegen aus, dass Interventionen von außen notwendig sind! Mir geht es darum, zu betonen, dass sie unangenehme Nebenwirkungen haben, und die sind umso spürbarer, weil sie die Geschichte der Afrikaner vital angehen. Ich meine die alte Frage des 19. Jahrhunderts, die seit Alexis de Tocqueville jene westliche Welt beschäftigt, die Millionen von Schwarzen über Jahrhunderte als Sklaven gehandelt hat: ob die Afrikaner sich selbst regieren können. Diese Frage überlagert oft die realistische Wahrnehmung des Kontinents, auf dem wie überall lauter vernunftbegabte Akteure tätig sind, nur dass sie in Afrika unter postkolonialen Bedingungen handeln. Und wer sich nicht selbst regieren kann, dem braucht man nicht zuzuhören. Der hat kein Gesicht, der hat keine Worte. Der gleicht einem einfältigen großen Kind. Der ist für die politische Willensbildung nicht geeignet. Es gehört zu den fatalen Wirkungen solcher Einsätze von außen, dass sich dieser Eindruck der Unmündigkeit verbreitet.

ZEIT: Auch von afrikanischen Künstlern und Intellektuellen hören wir wenig.

Mbembe: Die westlichen Medien prägen die öffentliche Wahrnehmung der Welt, und sie nehmen Afrikas Kultur nun mal wenig wahr. Aber es fehlt im gegenwärtigen Afrika generell nicht an lebhaften künstlerischen und intellektuellen Stimmen, denken Sie an die Schriftstellerin Léonora Miano, an Alain Mabanckou, an die Musiker Richard Bona und Ray Lema.

ZEIT: Inwiefern ist Ebola eine Katastrophe des heutigen Westafrika im kulturellen und politischen Sinn? Was trägt die postkoloniale Situation Afrikas bei?

Mbembe: Das Ende der Kolonialherrschaft hat für lange Zeit Not und Unordnung geschaffen, und IWF und Weltbank haben mit ihren Strukturanpassungsprogrammen ein funktionierendes Gesundheitssystem kaum entstehen lassen. Sierra Leone und Liberia haben fast ein Vierteljahrhundert Bürgerkrieg hinter sich, mit allem, was an Leid dazugehört: Flucht, Entwurzelung, Tod, Plünderung der Ressourcen. Alle Versöhnung ist noch fragil. Es gibt keinerlei langfristige Gesundheitspolitik und kein medizinisches Personal. Stattdessen liegt die Gesundheit der Afrikaner in den Händen von Menschen, die von außen kommen, um punktuell zu handeln, in von außen finanzierten Noteinsätzen. Diese Hilfstruppen können kaum wahrnehmen, in welchen Kulturen sie handeln, was Gesundheit, Krankheit, Tod dort bedeuten. Das führt zu großen Missverständnissen.

ZEIT: In Europa herrscht die Auffassung, die Afrikaner seien voller Misstrauen gegenüber jeder Hilfe und entzögen ihre Kranken deshalb den Helfern. Ist das auch ein Missverständnis?

Mbembe: Vor allem anderen fehlt es an geeigneter medizinischer Infrastruktur, und deshalb können allzu viele Kranke nicht behandelt werden. Das ist kein Ausdruck von Misstrauen, sondern von strukturellem Mangel als Folge einer jahrhundertealten Geschichte, deren vorletzte Etappe nach Sklaverei, Kolonialherrschaft und Ausplünderung jahrzehntelange Bürgerkriege waren und sind. Auf einer ganz anderen Ebene aber sind die Afrikaner heute tatsächlich skeptisch gegenüber der Hilfe, die angeblich ins Land kommt – dann nämlich, wenn die Hilfe eine Fiktion ist.

ZEIT: Was soll das heißen angesichts aller realen und mühevollen Entwicklungshilfe?

Mbembe: Es fließen mehr Geld und Rohstoffe aus dem Kontinent hinaus, als dass Investitionen und Hilfe hereinkämen. Am aktuellen Beispiel: In den liberianischen Krankenhäusern fehlt es an Handschuhen, die vor Ebola schützen. Wie ist das möglich in einem Land, das eines der größten Kautschukvorkommen der Welt hat? Es wird vom amerikanischen Unternehmen Firestone beherrscht. Liberia muss gegenwärtig seine Rohstoffe exportieren und hat keine heimische Industrie, die Handschuhe fertigen könnte, die nun das Pflegen von Ebola-Kranken ermöglichen würden.