Die meisten Trainer, die beim FC Schalke eingestellt und wenig später rausgeschmissen werden, leiden unter einer Wahrnehmungsstörung. Sie glauben, dass alles, was sie kennen, Aufschluss darüber gibt, was sie noch nicht kennen. Weil sie unter anderen Bedingungen oder an einem anderen Ort erfolgreich waren, werden sie es auch diesmal sein. Dieses Missverständnis mag nirgendwo auf der Welt existenzbedrohend sein – außer auf Schalke.

Trainer wie Roberto Di Matteo, der nach der Entlassung von Jens Keller vor Kurzem eingewechselt wurde, glauben zum Beispiel, Schalke sei ein Fußballverein. Das ist natürlich Blödsinn. Schalke ist ein Erregungskartell. Viele Trainer glauben auch, sie könnten auf Schalke konzentriert arbeiten, "in Ruhe". Das ist der nächste Blödsinn. In Ruhe kann auf Schalke niemand arbeiten, Ruhe ist das Gegenteil von Schalke. Die meisten Trainer hoffen, dass ihre als vertraulich eingestuften Gespräche vertraulich bleiben. Diese Männer stecken voller Illusionen. Jens Keller hätte es besser wissen müssen, weil er den Verein kannte, aber auch er machte sich etwas vor.

Die jüngere Geschichte der Schalker Trainer – und es gab 14 Wechsel binnen 18 Jahren – ist eine Geschichte der sich selbst entlarvenden Irrtümer, weil diese Menschen blind sind für den Ort, auf den sie sich eingelassen haben. Sie glauben, sie wüssten, was in einem Vulkan vorgeht, nur weil sie ein paarmal einen Berg bestiegen haben. Am Ende stehen sie bedrückt am Rande des Kraters und fragen sich: Wahnsinn, wo bin ich hier?

Der Trainer Felix Magath hat sich diese Frage während seiner Schalker Zeit vom ersten bis zum letzten Tag vorgelegt, Ralf Rangnick wird die Frage bis heute nicht los, Mirko Slomka hat sich entschieden, die Frage wegzulächeln, Jens Keller steht noch unter Schock.

Trainer auf Schalke zu sein, so wird oft behauptet, sei der schlimmste Job im deutschen Fußball. Das ist falsch. Richtig ist: Trainer auf Schalke, das ist der schönste Job in Deutschland. Es gibt keinen anderen Ort in diesem Land, an dem sich ein Mensch an einem Samstagnachmittag in sein eigenes Denkmal verwandeln kann. Das klappt nur auf Schalke, wo die Fans ihren Trainer aufrichtig lieben – solange er nur halbwegs erfolgreich ist und ihre Liebe zu erwidern weiß. Natürlich ist das mit der Liebe nicht so einfach. Wie erwidert man die Liebe von 60.000 Menschen, die sich bei einem Heimspiel im Stadion versammeln? Wie kommt man gegen ihr Misstrauen aus enttäuschten Liebesbeziehungen an? Die meisten Trainer glauben, sie unterschrieben auf Schalke einen Arbeitsvertrag. Auch so ein Irrtum. Sie gehen in Wahrheit eine Beziehung ein, eine vorübergehende Beziehung, schon klar, aber ihr Verhältnis beruht auf Gefühlen. Wer den Gefühlen der Fans, denen der Männer in den Gremien des Vereins und denen der Medienleute ausweicht, muss beim FC Schalke scheitern.

Die Gefühle sind kompliziert, weil sie auf übersteigerten Erwartungen beruhen, beispielsweise dem stillen Wunsch, das Jahr 1958 zurückzuholen, als Schalke zuletzt deutscher Meister wurde. Die Gefühle sind auch deshalb kompliziert, weil in der Liga die Männer verschwinden, die in der Lage waren, als Ersatz für den Traum von der deutschen Meisterschaft auf überzeugende Weise sich selbst anzubieten (Rudi Assauer, Huub Stevens). So viele Zigarren kann Roberto Di Matteo gar nicht rauchen, dass er jemals in die kultische Nähe zum glorifizierten Assauer vorrücken könnte. Die Gefühle auf Schalke sind auch deshalb kompliziert, weil sie ein Gedächtnis haben. Es geht immer sofort um das Vermächtnis eines Jahrzehnts oder eines Jahrhunderts. Vermutlich ist der Fallrückzieher auf Schalke auch deshalb so selten geworden, weil sich niemand die Blöße geben will, an Klaus Fischer gemessen zu werden.

Ohne diese Sehnsucht nach Übertreibung wäre Schalke tot

Wenn Roberto Di Matteo grobe Fehler vermeiden will, sollte er sich mit einem Mann beschäftigen, der alles falsch gemacht hat, was man auf Schalke falsch machen kann: Felix Magath. Er vergrößerte zwar seine persönliche Macht im Verein. Aber er verstand zu keinem Zeitpunkt, warum er sich nicht durchsetzen konnte. Auf Schalke wurde Magath sich selbst ein Rätsel, obwohl er zuvor den VfL Wolfsburg geradlinig zur Meisterschaft geführt hatte. Er sei stabil, betonte Magath beim FC Schalke immer wieder, aber das Umfeld seiner Arbeit sei nicht stabil. Natürlich ist es das nicht. Warum auch? Der einzig stabile Punkt auf Schalke ist der Elfmeterpunkt. Alles andere ist Verhandlungssache, und an jedem Spieltag beginnt die Verhandlung neu.

Die Zeiten, in denen sich Wortführer des Vereins auf Versammlungen Schläge androhten, sind lange vorbei, aber noch immer regieren die Empörung, die Verzweiflung, der Überschwang, die Hysterie. Das ist der Schalker Wesenskern. Man kann ihn nicht wegverhandeln wie einen lästigen Vertragsparagrafen. Ohne die Sehnsucht nach Übertreibung wäre Schalke tot.

Eine rührende Vorstellung unter Trainern ist auch, der Verein könne die Kommunikation steuern. Glücklicherweise ist es nicht so. Sonst würden die Menschen rund um das Stadion seelisch verkümmern. In anderen Clubs unterscheidet man zwischen interner (in Vereinsgremien) und externer Kommunikation (mit Fans, Sponsoren und Medien). So etwas ist auf Schalke sinnlos, weil alles Interessante, was intern besprochen wird, am nächsten Morgen in der Zeitung steht. Es gibt kein Gremium des FC Schalke, das frei ist von Lecks, manche Gremien hätten ohne die Lecks ihren Daseinszweck verfehlt. Das Leck ist nicht einmal dann abgedichtet, wenn der Chef des Aufsichtsrates nur mit sich selbst tagt. Wer diese Unübersichtlichkeit nicht aushält, muss beim SC Freiburg anfangen.

Auf eines aber ist Verlass: Alle Nachrichten, die durchgestochen werden, nimmt die Bevölkerung dankbar auf. Auch das macht den Schalker Trainer zu einer überragenden Figur. In keiner anderen deutschen Stadt ist das Verhältnis von Bevölkerung und Anhängerschaft ähnlich ausgewogen. Von 1.000 Einwohnern Gelsenkirchens sind 1.000 Einwohner am FC Schalke interessiert.