Sie schliefen zuletzt unter freiem Himmel. Im Oktober. In Kälte und Nässe, schutzlos. In München, einer der reichsten Städte Deutschlands, kampierten Flüchtlinge auf dem Rasen vor der Erstannahmestelle, wo sie sich nach der Ankunft in Deutschland registrieren lassen und manchmal monatelang ausharren müssen. So überfüllt ist die Bayernkaserne, dass der Münchner Oberbürgermeister sie Anfang dieser Woche für Neuankömmlinge schloss. Er sprach von "menschenunwürdigen Bedingungen" und warf dem bayerischen Ministerpräsidenten Versagen in der Flüchtlingspolitik vor. Seehofer wiederum reichte den Vorwurf sogleich an die Bundesregierung weiter. Es wollen ja alle helfen, ist doch klar, aber angesichts des großen Ansturms ist plötzlich keiner so richtig zuständig. Und natürlich fehlt es immer auch am Geld – in einem Land, dem es so gut geht, dass es im Jahr 2014 tatsächlich die "schwarze Null" vor Augen hat.

In der deutschen Flüchtlingspolitik wirken immer noch die alten Abwehrreflexe fort. Auf Bedürftige aus Krisenländern reagierte die Republik in den vergangenen Jahrzehnten vor allem mit Abschottung. Als die Zahl der Asylbewerber in Deutschland Anfang der 1990er Jahre wegen des Jugoslawienkriegs auf bis zu 440.000 Menschen pro Jahr anstieg, beschloss der Bundestag eine Verschärfung des Asylrechts. Wer aus einem sicheren Herkunftsland oder Drittstaat kam, wurde abgewiesen; wer bleiben durfte, bekam weniger Leistungen. In der Folge nahm die Zahl der Asylanträge in Deutschland rapide ab, auf rund 21.000 im Jahr 2006. Flüchtlingsunterkünfte wurden überall im Land zurückgebaut – ganz so, als sei das Problem für alle Zeiten erledigt.

Doch als die Zahl der Kriege und Krisen in Afrika und im Nahen Osten zunahm, stieg auch die Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kamen. Getreu der Logik der Problemverleugnung war darauf niemand vorbereitet. Das ist bis heute so. Die voraussichtlich 230 000 Flüchtlinge, die in diesem Jahr nach Deutschland einreisen werden, treffen auf ein undurchsichtiges System.

Versucht man, die Versorgungssituation von Flüchtlingen in Deutschland zu ergründen, eröffnet sich ein kafkaeskes Gebilde der Verantwortungsdelegation, das nicht nur Hilfesuchende verwirrt und damit klein hält. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) entscheidet lediglich über die Aufnahmegesuche und ist schon dafür unterbesetzt. Um die Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge müssen sich die Bundesländer kümmern. Diese reichen die Aufgabe in den allermeisten Fällen an die Kommunen weiter. Sie bekommen in der Regel Pauschalen für jeden Flüchtling, aber Höhe und Verwendung variieren erheblich. Einheitlich sind bloß die Klagen der Kommunen, dass ihnen die Gelder nicht reichen. Doch nirgends ist erfasst, wie viele Wohnheime in deutschen Gemeinden tatsächlich zugemacht wurden.

Verschleierung ist Abwehr, und letztlich sendet auch die Schließung der Bayernkaserne das Signal: Das Boot ist voll. Der sächsische Innenminister forderte gar Italien auf, die Aktion "Mare Nostrum" zur Rettung von Flüchtlingen vor der afrikanischen Küste aufzugeben, weil "Europa nicht allen Flüchtlingen weltweit Schutz bieten kann".

Vordergründig bietet Deutschland den Flüchtlingen natürlich Unterstützung. An vielen Orten werden nun eilig Unterkünfte aufgebaut, allerdings gleichen die meisten Wohnheime wieder nur abschreckenden Notlösungen. Dazu passt auch, dass Kommunen im Baugesetzbuch verankern wollen, künftig auch in Gewerbegebieten Wohnheime bauen zu dürfen. Containerlager in Industriebrachen – soll das auch künftig die deutsche Antwort auf wachsende Flüchtlingsströme sein?

Die aktuellen Weltkrisen werden nicht binnen Wochen vergehen. Rund die Hälfte der Flüchtlinge werden längerfristig in Deutschland bleiben, schätzen Experten, manche vielleicht ihr restliches Leben lang. Sie wollen kein abgeschotteter Teil der Gesellschaft sein. Diese Menschen brauchen Perspektiven, von Anfang an. In seinem Urteil zu den mageren Flüchtlingsleistungen befand das Bundesverfassungsgericht schon 2012, dass die Menschenwürde "migrationspolitisch nicht zu relativieren" sei. Diese Haltung sollte deutsche Politiker leiten, nicht der Geist der Abschreckung.