In vielen ländlichen Regionen Deutschlands ist die Lage trüb wie der Herbstnebel: Geschäfte haben dichtgemacht, Arztpraxen wurden geschlossen, Buslinien eingestellt. Es sind vor allem die älteren Menschen, die trotzdem bleiben. Sie wollen ihr Zuhause nicht aufgeben, egal, wie einsam und beschwerlich ihr Leben dort ist. Wie viel einfacher könnte es für die Alten sein, wenn die Jungen sie unterstützen würden: freiwillige Helfer, die sie in den nächstgrößeren Ort zu Arztterminen fahren, die Einkäufe erledigen, ihnen bei Behördengängen zur Seite stehen oder einfach nur ein gemeinsames Kaffeetrinken in der Gemeinde organisieren.

In Deutschland gibt es eine Menge junger Leute, die solche Aufgaben übernehmen könnten und zugleich selbst davon profitieren würden: Rund eine Viertelmillion Jugendliche ohne Ausbildungs- oder Studienplatz führen derzeit ein Leben in der Warteschleife – geparkt in dem sogenannten Übergangssystem staatlich finanzierter Bildungsmaßnahmen. Aber auch die Jugendlichen, die gleich eine Ausbildung oder ein Studium beginnen, geraten oft ins Schleudern, sodass die Abbrecherquoten bei deutlich über 20 Prozent liegen. Unternehmen wiederum beklagen in einer aktuellen Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, dass jungen Bewerbern oft die nötigen Sozialkompetenzen und eine grundlegende Berufsorientierung fehlten.

Offenbar sind viele Jugendliche noch unsicher, wie sie ihr Berufsleben gestalten wollen. Menschen zu helfen, Verantwortung zu übernehmen und die Erfahrung zu machen, gebraucht zu werden, könnte ihnen Orientierung geben.

Zwar hat die Bundesregierung 2011 den Bundesfreiwilligendienst ins Leben gerufen, doch fehlt ihm ein Programm, das junge Menschen gezielt als Helfer in jene Regionen entsendet, die vom demografischen Wandel besonders hart betroffen sind.

Vorbild für ein solches Programm könnten die USA sein: Dort gibt es seit 50 Jahren die Aktion "Freiwillige im Dienst für Amerika" – jährlich werden Tausende von jungen Leuten in die ärmsten Regionen des Landes vermittelt, um die Menschen dort zu unterstützen. Dieses Programm ist eines von mehreren unter dem Dach des nationalen Freiwilligendienstes. Dies ist zwar nicht eins zu eins auf Deutschland übertragbar, aber wir können uns davon inspirieren lassen.

Kommunale und gemeinnützige Einrichtungen in den jeweiligen Regionen könnten die Freiwilligen am Ort einsetzen, schulen und betreuen. Nur: Geht ein 18-Jähriger aus dem Ruhrgebiet freiwillig für ein Jahr in die Uckermark? Da ist das Angebot entscheidend. Der auf den demografischen Wandel spezialisierte Freiwilligendienst darf eben nicht zu einem weiteren Sonderbeschäftigungsprogramm werden, er muss vielmehr wirkliche Anreize bieten: Neben Verpflegung und Unterkunft sollten die Freiwilligen ein Anschub-Stipendium für eine Ausbildung oder ein Studium bekommen. Zugleich sollten die Hochschulen bei der Studienplatzvergabe und die Unternehmen im Vorstellungsgespräch explizit danach fragen, ob ein Bewerber ein solches Freiwilligenprogramm absolviert hat. Um Jugendlichen die Entscheidung für den Dienst leichter zu machen, könnte ihnen auch die Möglichkeit einer zweimonatigen Probierphase gegeben werden, bevor sie sich für ein ganzes Jahr verpflichten.

Ein so gestaltetes Programm würde die öffentliche Anerkennung des Freiwilligendienstes insgesamt steigern. Denn eine erste wissenschaftliche Studie nach Einführung des Bundesfreiwilligendienstes hat gezeigt, dass die Wahrnehmung in der Bevölkerung und die Identifikation der Helfer mit ihrer Tätigkeit sehr wichtig sind. Auch hier kann Deutschland von den USA lernen. Dort ist es gelungen, die Freiwilligenprogramme zu einer Marke aufzubauen. So gilt es bei den Amerikanern mittlerweile als Auszeichnung, ein solches Programm absolviert zu haben. Im ganzen Land kann man aktive und ehemalige Helfer treffen, die voller Stolz T-Shirts mit dem Logo des Freiwilligendienstes tragen.

Natürlich kostet das Geld, allerdings bei Weitem nicht so viel, wie für die meisten anderen Maßnahmen ausgegeben wird, die ähnlichen Zielen dienen. In die Förderung des ländlichen Raumes beispielsweise fließen jedes Jahr mehrere Hundert Millionen Euro. Das allenthalben kritisierte Übergangssystem für Jugendliche wiederum verschlingt Geld aus so vielen unterschiedlichen Quellen, dass sich die Gesamtkosten nur schwer ermitteln lassen – allein aus dem Haushalt der Bundesagentur für Arbeit waren es zuletzt 287 Millionen Euro. Das sind über 100 Millionen Euro mehr, als derzeit für den gesamten Bundesfreiwilligendienst bereitsteht.

Alles das kann und soll ein spezialisierter Freiwilligendienst natürlich nicht ersetzen. Aber er kann eine sinnvolle Ergänzung sein und beiden Seiten gleichzeitig helfen – den älteren Menschen in den Dörfern und den Jugendlichen auf ihrem Bildungsweg.

Darüber hinaus hat er noch einen ganz entscheidenden Nutzen: Wo immer Menschen sich freiwillig für andere engagieren, bauen sie kleine Brücken, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. Ein Freiwilligendienst würde dies im großen Maßstab ermöglichen.

Deshalb wünsche ich mir, dass Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig, die den Bundesfreiwilligendienst verantwortet, und Landwirtschaftsminister Christian Schmidt, der für die Förderung des ländlichen Raumes zuständig ist, gemeinsam diese große Brücke errichten.

Sebastian Gallander leitet den Thinktank für Bildung bei der Vodafone Stiftung.