Hans Magnus Enzensberger wird 85 Jahre alt. © dpa

Kinder vertreiben sich gerne die Zeit mit einem Spiel, bei dem man sich gegenseitig ernst in die Augen schaut, und wer zuerst lächelt, hat verloren. Bei diesem Spiel hätte der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger keine Chance: Er lächelt schon, bevor der Wettkampf überhaupt begonnen hat. Für ihn müsste man die Spielregel verändern: Wem es gelänge, ihn zur Wut zu reizen, ihn dazu zu bringen, die Fassung zu verlieren, der hätte über ihn triumphiert. Enzensberger ist der größte Marathon-Contenance-Akrobat, den die deutsche Nachkriegsliteratur hervorgebracht hat. Seine Kunst der tiefenentspannt-koketten Unberührbarkeit ist so groß, dass ihr mit bloßem Auge nicht einmal anzusehen ist, ob sie ihn Kraft und Anstrengung kostet, wie das sonst bei den meisten Masken und Würde-Haltungen der Fall zu sein pflegt.

Enzensberger kann auf gravitas verzichten, weil ihn ohnehin nie jemand für zu leicht befunden hat. Ansonsten sorgt er für eine angenehme Distanz, die so heiter und arglos daherkommt, dass sie niemand als persönlich kränkend empfinden muss. Er ist nie schroff-arrogant, sondern immer geschmeidig-überlegen. Vielleicht lässt es sich so ausdrücken: Man kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass es im Deutschland unserer Tage noch jemanden geben könnte, von dem sich Hans Magnus Enzensberger provozieren ließe. Da reicht keiner hin. Wie tief getroffen nimmt sich ein Martin Walser eine missgünstige Kritik noch immer zu Herzen! Wie persönlich verfolgt von den Medien kann sich ein Günter Grass fühlen! Welch strenger, gerechter Zorn kann einen Jürgen Habermas erfassen über falsche Tendenzen in der Öffentlichkeit! Auf dem apollinischen Olymp, auf dem sich Enzensberger eingerichtet hat, herrscht Unverletzlichkeit gegenüber irdischen Sticheleien.

Nur einmal habe ich ihn wütend gesehen. Das war bei einem Essen in einem sehr gediegenen Gourmetrestaurant. Als erster Gang wurde ein Sashimi vom Lachs gereicht. Enzensbergers Augen wanderten über den Tisch auf der Suche nach dem Salzstreuer. Er fand ihn nicht. "Wo ist denn der Salzstreuer, Herrgott", fragte er, nun schon mit leichtem Grollen in der Stimme. Mir dämmerte in diesem Augenblick, dass er vermutlich noch zur Generation der Präventiv-Salzer gehört, die immer schon zum Salzfass greifen, noch ehe sie von der Speise probiert haben. Als nach erfolgter Beschwerde die Serviererin endlich eine Schale voll schimmernder Meersalz-Kristalle auf den Tisch stellte, griff Enzensberger mit extra rustikaler Handbewegung hinein und verpasste seinem Sashimi eine ordentliche Salzdusche, als wäre die lächerlichste Form von Vornehmtuerei die Abwesenheit von Salzstreuern in Gourmetrestaurants.

Aber diese Form der Alltagsverstimmung meint man ja nicht, wenn man von Enzensbergers unerschütterlichem Affirmationstalent, seiner quecksilbrigen Daseinsbejahung spricht. Die Energien der Neugier sind bei ihm immer größer als die Gefühle der Ermattung oder gar der Enttäuschung. Ausgerechnet er, der doch die literarische Öffentlichkeit mit seinem Gedichtband Verteidigung der Wölfe als der Prototyp des zornigen jungen Mannes betrat, er, der als Adorno-Schüler der Kulturindustrie den Prozess machte – ausgerechnet er war immer frei von dem sprichwörtlichen Miserabilismus der Frankfurter Schule. In allem immer sogleich das Verhängnis zu sehen liegt ihm nicht. So scharf er die Gegenwart durchleuchtete, er wurde nie unfroh über sie. Überhaupt alles Nachtragende, Verpanzerte, Zerknirschte und Verbitterte hat er als Seelenzustände so konsequent gemieden wie ein Yogi Nikotin oder den Verzehr von tierischem Fett. Wo, Herr Enzensberger, sind Ihre Brüche, Ihre Verletzungen, Ihre unausgelüfteten Affekte?

Natürlich ist er viel zu klug, um nicht selber zu bemerken, dass auch das Fehlen einer Schwachstelle eine Schwachstelle sein kann. Da hat er sich wohl gesagt: Wenn mich schon kein anderer herausfordern kann, dann mache ich es eben selber! Und so erscheint jetzt von ihm ein Buch, in dem er für seine Verhältnisse ausgesprochen oft "ich" sagt und sogar kokett nach den Peinlichkeiten in seiner Biografie fragt.

Hans Magnus Enzensberger wohnt in München. Jetzt wird er 85. Seine Arbeitswohnung liegt in Schwabing, nur wenige Schritte vom Englischen Garten entfernt. Es ist später Nachmittag. "Sherry oder Portwein?", fragt er. Portwein. Vergnügt und mit einem Gesichtsausdruck, als pfiffe er gerade ein fröhliches Kinderlied, schenkt er ein. Dann wird der Aschenbecher auf das Sofatischchen gestellt. Enzensberger raucht mit einer solchen Nonchalance, so frei von Gewissensbissen, dass man sogleich überzeugt ist: Ein so entspanntes Verhältnis zur Zigarette muss gesundheitsfördernd sein.

Tumult heißt sein neues Buch, und für Enzensbergersche Verhältnisse ist es ausgesprochen persönlich geraten. Für jemanden, der seine Ungreifbarkeit schätzt und dem Rousseauschen Konzept der Aufrichtigkeit und Authentizität misstraut, sagt er in ungewöhnlich direkter Weise "ich". Aber schon der Titel ist wieder eine echt Enzensbergersche Freiheitsgeste. Mit dem Ausdruck "Tumult" bezeichnet er die bewegten Jahre der Studentenrevolte um 1968. Damals galt er als einer ihrer intellektuell prononciertesten Wortführer. So engagiert und explizit und durchaus auch laut proklamatorisch war er damals präsent, wie es im Rückblick zu ihm, dem Luftwesen, gar nicht zu passen scheint. Aber indem er diese Zeit eben nicht unter dem eingeführten Epochenbegriff "Studentenrevolte" oder "68er" abhandelt, sondern von ihr als den Jahren des Tumults spricht, hat er schon wieder seinen Eigenraum geschaffen, der sich nicht so glatt unter die allgemeine Geschichtsschreibung subsumieren lässt. Sein angeborener Antikollektivismus schafft sich seine Individualbegriffe.